
| IP66: | Die hier im Forum geführte Diskussion zum Thema "Artenschwund" scheint mir ein Problem zu treffen, daß in den letzten 15 Jahren virulent geworden ist. Die guten Bedingungen, die für bedrohte oder in EEP's erfaßten Arten geschaffen wurden, sind meist um den Preis des Verzicht auf andere Arten erfolgt. Man kann das bei der Vergrößerung oder Zusammenlegung von Gehegeeinheiten bei Antilopenhaltungen (Hannover, Zoo Berlin), aber auch in Affenhäusern verfolgen (Zoo Berlin, Wuppertal, Duisburg), und auch die Waldbisons verkörpern so ein Beispiel, denn zu ihren Gunsten wurde in München auf die Haltung von Prärie-Bisons verzichtet. In einem gewissen Rahmen ist das legitim, und niemand möchte wohl den Meerkatzen-Sammelkäfig mit acht Arten in drei Kubikmetern wiederbeleben. Auf der anderen Seite ist nicht zu verkennen, daß die zahllosen Bartaffenhaltungen, die im Rahmen der Schaffung einer Zoopopulation dieser Art durchaus sinnvoll sind, fast alle anderen Makakenarten aus den großen Zoos verdrängt haben, bis hin zu so gängigen Species wie Schweinsaffe oder Rhesus. Bei nicht bedrohten Arten mag das angehen, ich frage mich dennoch, ob nicht Schopfmakaken oder die auf den Inseln Indonesiens beheimateten Arten, die man noch vor einem Jahrhundert auf dem berliner Affenfelsen sehen konnte, ähnliche Zuchtbemühungen verdienen. Und ich denke schon, daß die Ausstellung verwandter Arten wie etwa Wald- und Steppenbisons, aber auch das Nebeneinander von Lemuren und Neuweltaffen in Köln das Beobachten schult, sowohl was das Verhalten wie auch was das Aussehen und Unterscheiden betrifft. Hier wird wohl angesichts des nicht grenzenlos steigerbaren Fassungsvermögens unserer Zoos ein Balance-Akt nötig sein. (05.09.2005, 00:00) | ||
| Matthias Papies: | @Aguti Mit Goldaffen sind Goldstumpfnasen gemeint. Der wissenschaftliche Name lautet: Rhinopithecus roxellanae @Konstantin Ruske Meiner Meinung nach sollte sich jeder Zoo an den RCPs orientieren, wenn es um den Collection Plan des Zoos geht. Natürlich ist es schön mehrere Unterarten sehen zu können. Auch ich habe mich gefreut endlich mal Indochina-Tiger zu sehen. Aber der Platz könnte auch für Sumatra- oder Amurtiger genutzt werden. Diese dann in 3 Zuchtpaaren. Heutzutage geht es darum lebensfähige Populationen aufzubauen, die sich über 100 Jahre selbst erhalten können. Dafür muss dann auch geplant werden, wieviel Platz nötig ist und zur Verfügung steht. Diese Analysen machen die TAGs und ein RCP ist die Konsequenz davon. Bei den Bisons gilt dasselbe. Waldbisons und Wisente müssen doch nicht um Platz konkurrieren. Beide können in grossen Populationen auf ihren Heimatkontinenten gehalten werden, wenn sie diesen Platz für sich alleine haben. Der Präriebison wird dann zusätzlich als educatieve Art gehalten. Die Besucher stört das nicht, aber dem Artenschutz wird Rechnung getragen. Und für diesen Artenschutz sollten wir unsere egoistischen Motive, so viel Arten bzw. Unterarten zu sehen wie nur möglich, zurück stellen. Auch mir fällt das manchmal schwer, aber der Artenschutz ist nunmal wichtiger. (02.09.2005, 00:00) | ||
| Konstantin Ruske: | es wird wohl kein Zoo, der nicht auch die Möglichkeiten dazu hat, versuchen, z. B. Indochina- Tiger anzuschaffen. So haben wir im tierpark berlin sicherlich genug platz für 3 Tigerunterarten, zum teil auch in mehreren Zuchttieren. Schön, daß es in Nordamerika genug Waldbisons gibt, aber sollten sie aus den zoos in europa verschwunden sein, wirs es sehr aufwendig werden, sie neu einzuführen, so etwas sollte man also vorbeugen. grundsätzlich bin ich natürlich nicht gegen EEP´s und kenne auch genug Positivbeispiele.ich sehe nur "täglich" nicht nur Artenschwund, sondern auch den damit verbundenen ( Zoo) polpulationsschwund. Wenn das dann auch noch bei eben so bedrohten Arten geschieht, für die extra ein Programm zur Erhaltungszucht eingerichtet wurde, fehlt mir manchmal das Verständnis. (02.09.2005, 00:00) | ||
| Matthias Papies: | Herr Ruske, ich stimme ihnen zu, dass es leider oft merkürdige Entscheidungen gibt. Bei den Löwenaffen, was übrigens ein brasilianisches ZUchtprogramm ist, also kein EEP, ist es z.B. so, dass der Koordinator in Brasilien alle drei Arten koordiniert und aus Zeitgründen den Bestand klein hält. Die Kapazitäten wären da, aber er hat keine Zeit um noch mehr Tiere zu verwalten. Zumindest habe ich das als Info bekommen. Das der Waldbison als nicht züchtenswert in Europa eingestuft wird, kann daran liegen, dass er in Nordamerika gezüchtet und das man den Platz in europäischen Zoos für andere Tiere nutzt. Solche Regional Collection Plans (RCP) werden von allen TAGs regelmäßig erarbeitet und mit RCPs von anderen Kontinenten abgestimmt. So sollte zum Beispiel der Indochina-Tiger in gar nicht gehalten werden, weil es in den USA bereits über 100 Tiere gibt. Dafür soll sich Europa auf Sumatra- und Amurtiger konzentrieren. Angesichts der begrenzten Kapazitäten in Zoos sind solche Entscheidungen äußerst sinnvoll. Jüngstes Beispiel: Nordamerika wird sich auf die Panay-Unterart des Mähnenschweins konzentrieren während in Europa die Negros-Unterart gezüchtet werden soll. (02.09.2005, 00:00) | ||
| Konstantin Ruske: | es wäre schön, wenn wir beim Fischotter anfangen könnten, an so etwas wie zu große bestände in zoos zu denken. Bis dahin ist noch ein weiter Weg. ich kenne viele Zoos, die für Tierarten haltungskapazitäten teilweise extra schaffen, und dann jahrelang auf Tiere warten ( aber nicht, weil die so selten sind).Im übrigen stufen solche TAG´s und Species commitees auch den Waldbison nach amerikanischem Vorbild für Europa als weniger wichtig zu züchten als den Steppenbison ein- weil die zoos förmlich Überquellen vor Waldbisons? Und, seit Jahren ein Anreiz zum Kopfschütteln: Nur wer keine afrikanischen Löwen hält, bekommt indische. Egal, welche haltungskapazitäten da sind. Fürchtet man, daß Pfleger und Kuratoren die tiere mischen könnten, weil sie vergessen, wer zu wem gehört. Das ist teilweise Kindergartenniveau, ein ganzes Buch kann man auch zum Thema Löwenäffchen schreiben. (02.09.2005, 00:00) | ||
| Oliver Jahn: | Danke Herr Papies, das war sehr aufschlußreich. Dennoch verstehe ich diese Entscheidung dann in Berlin nicht. Salzburg hatte ebenfalls keinen zuchterprobten Bullen zu dieser Zeit. Berlin teilte man mit, dass der dortige Bulle seinen Zuchtfähigkeit nicht unter Beweis gestellt hätte, damit wäre das Tier also abzugeben. Aber ich bin ganz ehrlich, ich habe immer nur die berliner Seite gehört, nie die Salzburger. (02.09.2005, 00:00) | ||
| Aguti: | Bei der ganzen Diskussion um Gorillas und Goldaffen. Was sind eigentlich Goldaffen? Languren? Sind damit Goldstumpfnasen gemeint? Wie ist deren wissenschaftliche Bezeichnung, der lateinische Name? (02.09.2005, 00:00) | ||
| Matthias Papies: | Die Teilnahme an Zuchtprogrammen ist immer freiwillig und bei EEPs gibt der Koordinator immer nur Empfehlungen. Natürlich hängt die Art und Weise dieser "Empfehlungen" sicherlich auch immer vom Engagement des jeweiligen Koordinators ab. Der Zoo kann immer intervenieren. Allerdings muss er dann in Zukunft damit rechnen, eventuell keine Tiere mehr des betreffenden EEPs zu bekommen oder aber auch bei einem Zuchstop für entstehenden Nachwuchs keine Vermittlung übernimmt, so dass der Koordinator natürlich letzten Endes die Entscheidung trifft. Aber das hier nun so darzustellen, dass manche Koordinatoren als Diktatoren auftreten ist falsch. Neben den Zoos die Einspruch erheben können, gibt es auch in jedem EEP ein Species Commitee. Dieses Komitee berät und überwacht den Koordinator und es wird alle paar Jahre neu gewählt. JEDER Zoo, der am betreffenden EEP teilnimmt, hat die Möglichkeit einen Mitarbeiter für das Komitee vorzuschlagen, um im EEP letztendlich mit zu entscheiden. Ein EEP ist also keine "One-Man-Show". Ich habe mich erst kürzlich mehrere Male mit der Koordinatorin für Breitmaulnashörner (Dr. Kristina Tomasova, Zoo Dvur Kralove)über Probleme und Fortschritte in der Nashornhaltung und -zucht unterhalten. Ich hoffe, dass jeder Koordinator so enthusiastisch und mit so viel Herz sein EEP führt. Dann kommt es natürlich zwangsläufig zu unpopulären Entscheidungen, die manchen Zoos vielleicht sauer aufstoßen. Wie das mit dem Berliner Breitmaulnashornweibchen war, weiß ich nicht, ich bin mir aber sicher, dass es gute Gründe für diese Entscheidung gab. Zu dem Beispiel mit den Fischottern, möchte ich sagen, dass es heutzutage nunmal wegen der Kapazitäten Zuchtstopps geben muss. Und wenn ein Tier genetisch überräsentiert ist, muss es an der Weiterzucht gehindert werden, um Inzucht in späteren Generationen zu vermeiden. Und da wären wir wieder bei dem Beitrag von Sitara angelangt. (02.09.2005, 00:00) | ||
| Konstantin Ruske: | Fischottergeschichte bezieht sich auf Zoo Rostock. (02.09.2005, 00:00) | ||
| Konstantin Ruske: | Leider haben sich in den letzten Jahren nicht wenige Zuchtprogramme von sehr guten Ansätzen eher zu Zuchtverhinderungsprogrammen entwickelt ( diese Meinung teile ich mit einer Menge in Zoos verantwortlich arbeitenden). Oft liegt dies an der person des jeweiligen Koordinators, dessen "Empfehlungen" nicht selten Befehlen gleichkommen, und sich nicht nur auf eventuelle Transfers ( oder deren verhinderung) sondern sogar auf die Erlaubnis bzw. Verweigerung von Zuchten in bestehenden Zuchtgruppen erstreckt. Neben solchen wirklich an der verbreitung der Population und Vermehrung der haltungen interessierten Koodrinatoren wie etwa Klaus Rudloff für " seine" Vietnam- sikas und Mesopotamischen Damhirsche, gibt es leider zu viele Programmleiter die dem allgemeinen Trend zur vermehrungsbremsung folgend eine Menge Unfug anrichten. Ein Beispiel soll dies illustrieren, über das sich jeder eine Meinung bilden kann ( ich kenne noch unzählige Fälle, will sie aber nicht unbedingt öffentlich machen): Das Fischottermännchen auf der neuerbauten, sehr schönen und ganz sicher auch zur Zucht ausgelegten Fischotteranlage ist nach Ansicht der verantwortlichen Koordinatoren genetisch überrepresentiert ( !), jeder möge versuchen, sich der "allenthalben reichlichen, bereits jahrzehntelang florierenden Zucht" von Fischottern zu erinnern,mit der Konsequenz, daß das Männchen jetzt kastriert sein soll ( laut tierpfleger) und die Inzuchtgefahr jetzt definitiv abgwehrt ist. (02.09.2005, 00:00) | ||
| R. Masell: | Vielleicht kann uns ja Dr. Schüling mit seinem guten Draht zum Allwetterzoo diese Fragen beantworten. (01.09.2005, 00:00) | ||
| Sitara: | Der Koordinator greift doch aber normalerweise regulierend ein, um Fälle der Inzucht zu vermeiden. Dies ist doch seine primäre Aufgabe. Für mich wird diese in dem von mir erwähnten Fall ad absurdum geführt, heißt, wozu braucht man denn einen Koordinator, wenn sich die Zoos ohnehin nicht daran halten (wollen)! Ganz abgesehen davon, kann man in dem o.g. Fall den Verantwortlichen der beiden Zoos (Tierärzte, Biologen, Kuratoren, Direktoren etc, wer auch immer entzieht sich leider meiner Kenntnis)Unverantwortlichkeit vorwerfen und dass sie hier nur sehr kurz gedacht zu haben scheinen. Die eventuellen Nachkommen aus dieser "inzuchtösen" Verbindung werden noch schwerer vermittelbar sein (im besonderen, wenn es sich um einen Bullen handelt)und genetische Defekte weitergeben. Das oft hervorgebrachte Argument, in der freien Wildbahn fragt der Bulle auch nicht, ob das seine Schwester, Mutter, Tochter ist, mit der er sich paart, zieht hier nicht, denn im Zoo haben die Tierhalten die Verantwortung übernommen der sie meiner Meinung nach auch gerecht werden müssen. (01.09.2005, 00:00) | ||
| Oliver Jahn: | Hallo Herr Papies, das finde ich ja spannend!! Ist es wirklich so, dass der Zoo letztentscheidend ist, wo die Tiere hinkommen? Ich habe da schon ganz andere Dinge gelesen und gehört. Ich denke da z.B. an die Abgabe der Nashornkuh aus dem Tierpark Berlin an den Zoo Salzburg. Hier war überall zu lesen, dass sowohl der Zoo Halle, aus dem das Tier ursprünglich stammte, als auch der Tierpark Berlin hart darum gekämpft haben, das Tier in Berlin zu behalten, der Zuchtbuchkoordinator sich aber dagegen entschieden hat und das Tier so nach Salzburg MUSSTE! Auch bei manchem Gespräch mit Zoomitarbeitern erfuhr ich immer mal wieder, dass das ein oder andere Tier, wie mit dem Herkunftszoo vereinbart, kommen sollte, dieses aber gescheitert sei, da der Zuchtbuchkoordinator anders entschieden hätte. Wie ist es nun tatsächlich? (01.09.2005, 00:00) | ||
| Matthias Papies: | Wenn sie an dieser Textstelle weiterlesen, werden sie lesen, dass jeder Zoodirektor natürlich erstmal die Belange seines eigenen Zoos im Auge hat. Warum "Corny" und "Chamundi" in Münster zusammen stehen, weiss ich auch nicht. Aber EEP-Koordinatoren können nur Empfehlungen abgeben. Sie können nicht BESTIMMEN wo Tiere hingehen. Der jeweilige Zoo als Besitzer der Tiere, hat dort dass letzte Wort. Ob das bei diesem Fall das "Problem" ist, darüber will nicht spekulieren, denn darüber habe ich keine Informationen. Aber trotzdem sollte man nicht allzu schnell den schwarzen Peter an die Koordinatoren schieben. (01.09.2005, 00:00) | ||
| Sitara: | Wenn Herr Dorresteijn so genau "auf die Blutlinien der asiatischen Elefanten achtet", damit es nicht zu Inzucht kommt, ist es mir unerklärlich, wie die junge Elefantenkuh "Corny" im November 2003 von Hagenbeck an Münster abgegeben werden konnte, um dort mit ihrem Halbbruder "Chamundi"(sie haben die gleiche Mutter "Yashoda"!) verpaart zu werden. Werden hier Ausnahmen gemacht?!!! (01.09.2005, 00:00) | ||
| Roolfs, Albert: | Hallo Zoofreunde, anbei ein Bericht über den Koordinator für die asiatischen Elefanten. Die Aufregung um Bokito den Berlener Gorilla ist dann vielleicht etwas besser zu beurteilen. Ich war von 2 Jahren in Shanghai; ich kene in Europa weit schlechtere Zoos. Mit Gruß Albert Roolfs "Elefanten haben wirklich ein Elefantengedächtnis. Wenn Du etwas falsch machst, können sie es Dir auch zehn Jahre später noch heimzahlen." Ton Dorresteijn, Direktor vom Zoo Rotterdam ist der Koordinator vom europäischen Zuchtprogramm für die asiatischen Elefanten. Eine Erfolgsgeschichte an der Holland einen großen Anteil hat. In der letzten Woche sind wieder zwei Elefanten in Emmen und Amsterdam geboren. Der Elefantenmann Lieber zehn Mädchen als zwei Jungen In Emmen und in Amsterdam gab es in dieser Woche Geburtsfeierlichkeiten. Der stolze Vater sitzt in Rotterdam. Ton Dorresteijn der Direktor vom Rotterdammer Zoo sitzt in Blijdorp und leitet das Zuchtprogramm für asiatische Elefanten. Diese Tierart soll erhalten bleiben, bzw. der Bremsweg des Aussterbens soll verlängert werden. Geschrieben von Peter Koop Allgemeen Dagblad am 13.08.05 übersetzt Albert Roolfs. In Blijdorp sind die meisten Tiergehege größer als der Arbeitsplatz vom Zoodirektor Ton Dorresteijn. Hier ist der Biologe Dorresteijn zu Hause. Er erzählt hundertfach über 'seinen' Tierpark. Meine Tochter fand letztens auf dem Dachboden ein altes Schulheft von mir. Darin schrieb ich bereits, dass ich Zoodirektor werden wollte. Ich hatte es bereits wieder vergessen; aber man kann sagen, dass ein Kinderwunsch in Erfüllung gegangen ist. Dorresteijn (58) ist ein passionierter Mensch. Er beschreibt sich selbst als 'bevlogen Natuurbeschermer' (gefragter Naturschützer, Landeplatz). Der Direktor ist vertraut mit seinen Tieren. Über jedes Tier weiß er eine Geschichte zu erzählen. Über das Bisonkalb für das er mitten in der Nacht Geburtshilfe leisten mußte. Über das Zebra dass einst ausbüchste. Über den Elefant der beinahe einen Pfleger erdrückte. "Wissen Sie, dass jedes Jahr 3 oder 4 Menschen durch einen Elefanten getötet werden? In Blijdorp darf niemand zum Elefantenbullen in den Stall, bei Übertretung erfolgt sofotige Kündigung. Elefanten haben wirklich ein Elefantengedächtnis. Wenn Sie etwas falsch machen, kann Ihnen der Elefant das noch zehn Jahre später heimzahlen. Während des Interviewgesprächs springt Dorresteijn plötzlich auf und weißt stolz auf ein Foto mit einigen Affen. "Goldaffen" verdeutlicht er "äußerst selten, aber bald werden einige in Blijdorp erwartet." Wir sind dann der einzige Zoo in Europa der sie beherbergt." Er bekommt sie nicht umsonst. Vorher waren langwierige Verhandlungen nötig. Blijdorp hat mit dem Zoo in Schanghai gehandelt. Die bekommen von uns einige Gorillas und wir bekommen Goldaffen zurück. Derartige Verhandlungen sind tägliche Routine für Dorresteijn. Als Koordinator des asiatischen Elefanten im europäischen Zuchtprogramm hat er beinahe täglich Kontakt zu anderen Zoodirektor-Kollegen. An diesem Zuchtprogramm sind 74 Zoos beteiligt. "In der Wildnis leben nur noch ca. 30.000 Elefanten" sagt Dorresteijn "mit dem Zuchtprogramm versuchen wir diese Tierart zu erhalten. Es ist somit wichtig, dass gesunde Elefanten in den Zoos leben." Dorresteijn hat 263 Elefanten zu koordinieren. Es wird wahrhaftig vieles geregelt. Ich achte auf die Blutlinien der Elefanten. Es lauert immer die Gefahr der Inzucht. Deshalb werden Elefanten zuweilen umgesiedelt. Dieses erfolgt nicht immer mit Zustimmung der Zooorganisationen. "Ein Direktor hat natürlich immer zuerst die Belange seines eigenen Zoos im Auge. Das ergibt schon mal Konflikte, aber dann verweise ich auf die wichtige Aufgabe unseres Zuchtprogramms und bei einem guten Gegenangebot stehen die meisten Zoos schlußendlich nicht schlechter da." Nicht alle europäischen Tiergärten sind am Zuchtprogramm beteiligt. "Es gibt 19 Zoos die sich aus verschiedenen Gründen nicht beteiligen. Oft handelt es sich um Zoos in Süd- und Osteuropa ohne Geld. Die Lebensbedingungen der Elefanten sind dort oft himmelschreiend." Aber auch diese Zoos versucht Dorresteijn davon zu überzeugen, dass Besserungen notwendig sind. "Aber das kostet oft sehr viel Mühe, letztens bekam ich einen Hinweis auf einen Zoo in Frankreich. Die Elefanten standen dort in viel zu kleinen Gehegen und waren ständig am weben. Ich habe diese unmöglichen Zustände persönlich beim französischen Minister für Tierschutz angeprangert. Innerhalb weniger Wochen wurden Gelder freigestellt um die Situation vorort zu verbessern." Das Zuchtprogramm ist eine Erfolgsgeschichte. In den letzten 10 Jahren wurden 100 Kälber geboren. "Ein Viertel davon in holländischen Zoos", sagt Dorresteijn. Aber dieser Erfolg hat auch eine Kehrseite. "Es werden mehr Bullen als Kühe geboren. Das ist für das Zuchtprogramm eine schlechte Grundlage. Elefantenmänner leben solitär, während die Kühe in Herden leben. Wenn Sie zwei Bulle zusammen halten, geht das unmißverständlich daneben. In einer Zoogruppe können gerne 10 Kühe zusammen leben, aber nur ein Bulle. Wenn die jungen Elefantenbullen erwachsen werden, besteht somit die Schwierigkeit, dass wir keinen Platz für sie finden." Soweit ist es noch nicht gekommen, aber Dorresteijn arbeitet schon an einer Lösung. "In Südspanien wird ein großer Park gebaut, speziell für Elefanten-Junggesellen. Sie bleiben dort bis sie ca. 17 á 18 Jahre alt sind. Danach werden diese Bullen Einzelgänger und sie müssen getrennt werden. Diese Situation finden wir auch in der Natur wieder". Dorresteijn befürchtet mit Bangen, daß männliche Kälber eventuell getötet werden könnten, weil sie unerwünscht sind. Die Elefantenpopulation kennt in Europa bislang noch keinen Überschuß. Auch bei anderen Tierarten wird einer Geburtenexplosion entgegengearbeitet. "Viele Tiere bei uns bekommen die Pille. Wir fahren das Zuchtprogramm zurück indem wir die Geschlechter trennen. Haben wir trotzdem einen Überschuß, vermitteln wir Tiere in andere Zoos. Vor einigen Jahren kamen die holländischen Zoos negativ in die Schlagzeilen, weil das Bild entstand, als ob der "Zucht-Überschuß" regelmäßig an dubiose Händler weiterverkauft würde. Darüber ist Dorresteijn noch immer sehr aufgebracht. "Es ist ein kompletter Unsinn. Wir verkaufen nie an Händler! Die Vereinigung europäischer Zoos (EAZA) besitzt ein Kontrollsystem, so dass jede Verschiebung bzw. Umsiedlung festgehalten werden muß. Die meisten Tiere gehören dem Zuchtprogramm an und dann ist absolut kein Geschummel möglich. Alles wird schriftlich festgehalten." Die Kontrolle wird bewußt nicht dem Staat überlassen. "Die Regierung hat hierüber nicht zu befinden, denn es ist in Holland legal, Tiere an Händler zu verkaufen. Die nierländische Gesetzgebung ist auf dem Gebiet des Tierhandels eine der biegsamsten in Europa. Ein Zebra oder Strauß darf ungehindert eingeführt und gehandelt werden. Ich finde das ethiklos. Deshalb arbeiten wir nicht mit Tierhändlern. Zoos die sich an dieses Verbot nicht halten, werden ohne Pardon aus der EAZA geworfen." Dorresteijn weiß das sich bestimmte Zoos (Osteuropa) doch mit Händlern einlassen. "Aber diese sind nicht Mitglied in der EAZA:" Trotzdem werden in Blijdorp überzählige Tiere getötet. "Dafür lügen wir nicht" sagt Dorresteijn "wenn es zum Beispiel zu viele Antilopen gibt, werden diese getötet und an die Löwen verfüttert." Im günstigsten Fall werden überschüssige Tiere in die Wildnis zurück gesetzt. Dieses ist jedoch zur Zeit eher ein Traum als Realität. Das Zurückbringen in die Natur ist ein schwieriges Unterfangen. Der wichtigste Unterschied ist dabei der Einfluß des Menschen. "In der Wildnis gibt es keine Zoobesucher. Deshalb werden einige Tierarten bewußt vom Besucher ferngehalten. Es gibt einige Tiere die haben noch nie einen Besucher gesehen, wie zum Beispiel die europäischen Nerze und die Feldhamster (auch 'korenwolfe' genannt). Wir setzen diese ab und an erfolgreich zurück in die Natur. Andere Tiere werden langsam an ein Leben in der Wildnis gewöhnt. Wir werfen z. Bsp. schon mal Löwendung zu den Zebras und wir füttern die Affen zu höchst unterschiedlichen Zeiten. Wie in der Wildnis versuchen wir die Tiere in Gruppen zusammen zu halten damit Großfamilien entstehen. Von Tierschutzorganisationen bekommt Dorresteijn schon mal den Vorwurf der Direktor in einem 'Tiergefängnis' zu sein. "Damit haben sie recht," aber schauen sie sich die Natur an. Dort haben die Tiere doch auch ein Territorium. Natürlich ist dieses im Zoo kleiner, aber wenn die Tiere sich so benehmen wie die Artgenossen in der Wildnis, so gibt es keine Probleme. Und es darf nicht vergessen werden, dass die Tiere bei uns drei Vorteile besitzen: es kommt ein Tierarzt wenn sie krank sind, es gibt keine Raubtiere vor denen sie Angst haben müssen und sie bekommen genug zu fressen. Ungeachtet der trüben Zukunft vieler Tierarten in der Wildnis ist Dorresteijn kein Schwarzseher. Es wird schon mal zynisch gesagt, dass die Zoos den Bremsweg zum Aussterben verlängern. Natürlich stimmt das für einige und für viele Tierarten sieht es nicht gut aus. Aber man muß auch beachten, dass einiges erreicht wurde. Wenn ich in der Richtung dann durch Blijdorp gehe, erfüllt es mich doch mit etwas Stolz. (31.08.2005, 00:00) |
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