
| Michael Mettler: | @IP66: Nr. 5 war das Schmuckvogelhaus alias Ziervogelhaus alias Schmuckvogelvoliere. (Auf dem Plan gibt es ganz unten eine nachträglich eingefügte und leider nicht alle Bauten umfassende Legende.) Dieses Haus ist in der 100-Jahre-Chronik abgebildet, es stand bereits zur Zooeröffnung. Der untere Bereich bestand aus Fachwerk, darüber erhob sich ein niedriger Turm mit einem kuppelförmigen Dach (schwer zu beschreiben, da mir das architektonische Vokabular und Hintergrundwissen fehlt). Zu den Außenvolieren hin gab es kleine Giebelfronten. Orientalisch scheint mir daran jedenfalls nichts zu sein. Im Grunde sah es ähnlich aus wie das auf S. 94 der Dittrich-Chronik zu sehende Stelzvogelhaus, nur eben mit dunkler Fachwerkkonstruktion und weißen Fächern (nennt man das so?). (05.08.2007, 20:18) | ||
| IP66: | Auf dem Plan S. 64/65 sind ja die Bäume verzeichnet, wobei in der Tat vor dem Raubtierhaus - zwischen Nr. 30 und 17 - recht viele stehen. Mich würde aber immer noch interessieren: Welcher Gebäude war die Nr. 5 auf diesem Plan. Denn auch in Berlin war es so, daß man Giraffen und Portikus des Antilopenhauses durch die Bäume um den vierwaldstätter See hindurchschimmern sah. Dergleichen würde auch bei einem orientalisierenden Bau Nr.5 funktionieren. Generell sind die Gebäude in den von mir beschriebenen Achsen angeordnet und auch so gestaltet, daß sie auf Fernsicht wirkten. Ob und wie das Bäume im Weg standen - etwa auf der nachmaligen Affeninsel, können natürlich nur photographische Aufnahmen nachweisen - allerdings wird der entwerfende Architekt wohl davon ausgegangen sein, daß man Bäume auch fällen kann. (05.08.2007, 19:28) | ||
| Michael Mettler: | Der älteste Zooplan, den ich bisher gefunden habe (in der 100-Jahre-Chronik), ist von 1885; leider fehlt bei ihm die Legende zu der Gehegenummerierung. Dort sieht es so aus, als habe es die große Teichanlage direkt am Felsen 1885 noch gar nicht gegeben, sondern nur den langgezogenen vorderen Teich, der zudem noch eine etwas andere Form hatte. Eine genaue Gehegeaufteilung gibt auch der ältere Plan nicht her, als Tierarten sind lediglich Schafe, Ziegen und Wölfe eingetragen. Der Zwinger der letzteren müsste es sein, den man auf den alten Aufnahmen der Dickhäutergehege im Hintergrund sieht; ich nehme an, dass hier auch anfangs die Löwen untergebracht waren, die m.W. in der Gartengestaltung ursprünglich nicht eingeplant waren, die man aber als Geschenk erhielt und irgendwo unterbringen musste. Zumindest heißt es irgendwo, sie seien in einem Zwinger der Felsenanlage untergebracht worden. Was die Pläne nicht hergeben: Zum einen war das Gelände wohl an einigen Stellen sehr feucht, was eventuell die Platzierung großer Häuser beeinflusste. Zum anderen war der Zoo sehr waldig (laut Kritikern ZU waldig, weil dadurch sehr düster), und man hatte nur vereinzelte Lichtungen in den Wald geschlagen, vor allem für die Huftieranlagen. Mag sein, dass manche vermutete Blickachse gar keine richtige war, weil schlichtweg Bäume im Weg waren. Den schönsten Ausblick müsste eigentlich der Herr Zoodirektor von seinem Wohnhaus aus gehabt haben; auf dem Plan von 1910 ist es das Gebäude zwischen Eingang und Holzlagerplatz - er schaute also am Schmuckvogelhaus vorbei über beide Teiche hinweg auf Bärenzwinger und Felsenanlage. Über die im Vergleich zu Frankfurt "bescheidenere Berganlage" heißt es in der Dittrich-Chronik auf S. 28: "Die Felspartie übertraf in ihrer Größe und ihrer Gestaltung alle Vorbilder. Sie war 240 Fuß lang (= 70 m), 40 Fuß hoch (= 12 m) und aus riesigen Felsbrocken gebaut." Zum Plan von 1910 verwundert mich übrigens die Beschriftung des Hauses Nr. 37 (Stelzvogelhaus), denn eigentlich müsste dieses Gebäude das Affenhaus des Zoos gewesen sein. Darüber muss ich noch mal genauer nachforschen. Auf dem 1885er Plan ist noch der Vorgängerbau des Antilopenhauses verzeichnet (in Dittrichs Chronik auf S. 31 und 56 abgebildet), dessen Eingang aber in exakt die selbe Richtung wies. (04.08.2007, 18:26) | ||
| IP66: | Das sind in der Tat zentrale und einschlägige Hinweise! Demnach war der Zoo ähnlich organisiert wie der frankfurter: Das Ziel lag darin, vom Eingang bzw. zum Gesellschaftshaus eine Blickachse über einen Teich zu einer romantischen Staffage zu schlagen, dort der Bergtier-Robbenfelsen mit dem Aquarium, hier die bescheidenere Berganlage. Um diese Teichanlage herum wurde dann der Zoo organisiert, in Frankfurt mit dem schmaleren Geländestreifen mit dem Raubtier- und dem Kleinsäugerhaus und dem etwas geräumigeren Gelände mit den Huftieranlagen. Leider liegt mir nur der spätere doppelseitige Dittrich-Plan vor, und da stört das Gebäude Nr. 5, das dazu führt, daß sich die Perspektive auf den Berg erst erschließt, wenn sich der Besucher nach links wandte. Im Blick von der Brücke über den Teich spielt dieses Gebäude allerdings eine große Rolle, da es hier den Blick über den Teich rahmt und ähnlich gewirkt haben könnte wie die Antilopenhäuser in Berlin und Köln. Interessieren würde mich die ursprüngliche Gehegeaufspaltung um den Berg und die dort gehaltenen Arten. Andere Blickachsen erschlossen die sehr malerisch konzipierte Raubvogelvoliere Nr. 3 (nichts weniger als ein Gegenbild zu den Käfigreihen in Antwerpen), und auf der anderen Seite das Hirschhaus Nr. 7. Diese große Zahl von Blickachsen ist eine eher englsichen Gärten der ersten Jahrhunderthälfte eignende Besonderheit (der Fürst Pückler forderte dergleichen in seiner Gartentheorie), ebenso die Tatsache, daß die Teiche so angelegt waren, daß sie sich aus jedem Blickwinkel nicht vollständig überblicken ließen. Dagegen wirkt die Anordnung von Antilopen- und Raubtierhaus auf dem Erweiterungsgelände willkürlich und ein wenig laienhaft, zumal die Möglichkeit bestanden hätte, das orientalisierende Gebäude direkt an den Teich hinter der Bärenburg zu schieben. Derartig wenig am romantischen Gartenbild orientierte Neubauten gab es, wenn auch nicht ganz so brutal, auch in Berlin. (04.08.2007, 16:17) | ||
| Michael Mettler: | Vielleicht wäre noch erwähnenswert, dass die Felsenanlage in Hannover zum damaligen Zeitpunkt im wahrsten Sinne des Wortes der Höhepunkt des Zoos war, denn bei seiner Eröffnung war der Garten gerade mal drei Hektar groß und die Felsenanlage sowie der Bärenzwinger waren, von Eingang aus gesehen, seine äußersten Punkte - quasi die Kulisse der Gesamtanlage. Auf heutige Verhältnisse übertragen, befand sich der Eingang anscheinend nahe der heutigen Ampelkreuzung vor dem Zoo, und der Bärenzwinger müsste etwa dort gestanden haben, wo sich heute das vorderste Nashorngehege befindet (also das, welches man von der Bootstour aus einsehen kann). Die Felsenanlage wurde abgerissen, um in den 60ern den großen Zooteich nebst Stelzvogelwiese errichten zu können. Auf dem Plan von 1910, der in Dittrichs Chronik auf S. 64/65 abgedruckt ist, lässt sich das Ursprungsareal ganz gut nachvollziehen: Die hintere Zoogrenze müsste ziemlich identisch mit dem Bruch zwischen S. 64 und 65 gewesen sein, die große Restauration existierte noch nicht (als Gastronomie diente der erwähnte Felsenkeller), ebenso das Elefantenhaus (Nr. 10, ungefähr dort befindet sich heute die Pelikananlage), der Geländestreifen ganz unten vom Eingang bis zum Haus Nr. 14 gehörte noch gar nicht zum Zoogelände. Auch das Haus Nr. 6 (Lamas und Yaks) nebst Anlagen stand vielleicht noch nicht. Auf jeden Fall bildete der damalige große Teich das Zentrum des ersten Zoogeländes. Die darin eingezeichnete Insel könnte übrigens diejenige sein, die 1911 mit Affen besetzt wurde. Der zeitgenössische Stich der Felsenanlage, der auch als Titelbild Dittrichs Chronik ziert, zeigt demnach die Perspektive aus Richtung Bärenzwinger, und der linke Bildrand wäre schon beinahe identisch mit der historischen Zoogrenze. (04.08.2007, 12:23) | ||
| IP66: | In einem "Innenraum" wundert mich die Verkleidung weniger als am Außenbau. Ich werde mir auf jeden Fall einmal die wilhelmshöher Staffagen entsprechend anschauen. Ausgangspunkt der Diskussion war ja die Erinnerung an den Bergtierfelsen in Amsterdam, und ich merke jetzt, daß das hannoveraner Beispiel doch um einiges größer war un auch die Zooerscheinung sehr stark geprägt haben muß, zumal das Elefantenhaus ja ganz bewußt in seinen Schatten gerückt wurde. Ich frage mich momentan, ob es außer den drei mir bekannten Gebirgsanlagen dieser Art (Amsterdam, Hannover, Köln) auch noch andere Beispiele gab. Bei der Nachsicht, auf dem Plan bei Dittrich, S. 109 kam mir der Gedanke, daß dieser Felsen gar nicht so anders gestaltet ist als die Heufresserwiesen in Stellingen, Nürnberg oder Wuppertal: Auf der einen Seite ein kleines Gehege, das als "Alm" bezeichnet wird, auf der anderen ein größeres mit Zebras, und dazwischen das Gebirge mit den Stallungen und einem Bergpfad für die Besucher. Das entspricht so ganz und gar nicht der Artengalerie am alten Bergtierfelsen in Berlin, und auch nicht meiner Vorstellung vom bürgerlichen Artenzoo. (04.08.2007, 11:14) | ||
| Michael Mettler: | @IP66: In der älteren 100-Jahre-Chronik gäbe es noch eine Innenaufnahme der im Felsen befindlichen Katakomben, die als Weinstube genutzt wurden. Auch darin wurde offenbar mit Naturstein verkleidet. Kann ich bei Bedarf gern scannen und mailen. (03.08.2007, 21:00) | ||
| IP66: | S. 61 bestätigt meine Vermutung, daß ohne Winden versetzbare Steingrößen verwandt wurden, um einen Innenbau zu verkleiden. Man sieht aber auch, daß der Felsteil nicht aus diesen Steinen geschichtet worden ist. S. 124 ist schwer zu erkennen, zeigt aber anscheinend eine vergitterte Öffnung, deren Bogen ebenfalls nicht aus den Steinen, die man sieht, gemauert sein kann. 127 könnte man anders verstehen, zumindest in der Laibung des Bogens könnten Quader geschichtet worden sein. Momentan habe ich die Grotten in Schloß Babelsberg im Kopf, die wohl ähnlich dicht verkleidet waren, es kämen aber auch die großen Staffagen im Park von Schloß Wilhelmshöhe in Kassel in Frage, die ich mir aber auf diese Frage hin leider noch nicht gründlich angeschaut habe. Sie haben aber recht mit Ihrer Aussage, daß der Fels wohl samt und sonders mit Naturstein verkleidet wurde, so daß Hecks Bemerkung zum Seelöwenfelsen in Köln nicht zutrifft. Das Beispiel für eine Kunststeingrotte wäre jener aufwendige Grottenbau bei Schloß Linderhof in Oberbayern, den auch Hagenbeck gekannt haben wird, waren die Schlösser Ludwigs II. doch nach 1886 beliebte Ausflugsziele. Wenn man sich jedoch das sehr stark am englischen Garten orientierte hannoveraner Konzept ansieht und bedenkt, daß der Zoo sehr frühhistoristisch geprägt war, worüber wir ja schon einmal in Hinblick auf das Elefantenhaus gesprochen haben, dürfte der entsprechende Berg näher Wilhelmshöhe als an Linderhof anzusiedeln sein. Man hat ja gerne das Bild einer Stadt vor Augen, die bis zur preußischen Inbesitznahme spätklassizistisch-biedermeierlich vor sich hin dämmerte, um dann, nach 1866, durch Hase und seine Schule mit dem Anschluß an die Architektur des Restes der Welt beglückt zu werden. (03.08.2007, 19:01) | ||
| Michael Mettler: | @IP66: In Dittrichs Chronik gibt es einige Fotos, die Teilbereiche der Felsenanlage zeigen, vielleicht erlauben die eine fachliche Beurteilung: Auf S. 61 (die Büffelwiese grenzte direkt an die Felsanlage an), S. 73 (im Hintergrund der Flusspferdanlage), S. 124 (das selbe Stück Felswand, hinter Elefanten- und Flusspferdauslauf), S. 127 (das dürfte der "Torbogen" sein, über den sich einst die Brücke spannte) und S. 129. Für meine Augen sieht das aus wie Naturstein. Ich müsste einfach mal einen Bekannten fragen, der die Anlage noch in natura gesehen hat; sie wurde ja erst in den 60er Jahren abgerissen, allerdings war sie da schon lange nicht mehr für Besucher begehbar. (03.08.2007, 13:32) | ||
| IP66: | Ich halte das für unwahrscheinlich. Die Stahlstiche, die in den vom Zoo verteilten Werbeblättern oder in der Gartenlaube publiziert wurden, idealisieren ja immer ein wenig, und bei den Felsen betrifft das meist die Höhe und den "natürlichen" Charakter. Ich kann mir allerdings vorstellen, daß hier und da Naturstein in leicht handhabbaren Größen zum Einsatz kam - auch der Seelöwenfelsen in Köln ist mit relativ kleinen Steinen dekoriert. Eine Totalverkleidung würde mich bei einem Entwurf von 1864 überraschen, insbesondere in Hannover, wo man doch um diese Zeit selbst mit backsteinsichtigen Bauten seine Probleme hatte. (03.08.2007, 11:30) | ||
| Michael Mettler: | Die historische Felsanlage mit der Brücke in Hannover bestand doch aber - den alten Fotos nach zu urteilen - aus Naturstein? Errichtet wurde sie ab 1864, war also zur Eröffnung des Zoos 1865 bereits vorhanden. (02.08.2007, 20:16) | ||
| IP66: | Kunstfelsgrotten gibt es das ganze 19. Jahrhundert hindurch, vermutlich auch deshalb, weil sie erheblich billiger waren und sich so leichter die beliebten Tropfsteine herstellen ließen. Eine frühe Natursteinanlage ist der kölner Seelöwenfelsen - er steht für die Neigung, mit neuen Materialien zu bauen und diese sichtbar zu belassen - Gropius' Kunstgewerbemuseum in Berlin, der heutige Gropiusbau, was ein Vorläufer dieser Neigung, natürliche Materialien sichtbar zu belassen, wobei dann bis 1900 die Zahl der kombinierten Materialien sinkt und die dem Naturstein zugewiesenen Flächen deutlich größer werden. Mir fällt allerdings keine vor der Zwischenkriegszeit entstandene Anlage ein, die mit Naturfelsen dekoriert war - im Grunde machte das ja nur bei Freianlagen Sinn. Ich will allerdings nicht ausschließen, daß im vorletzten berliner Raubtierhaus oder in der Bärenburg Natursteine als Dekoration verwandt wurden. Die pittoresken Kleinfelsen konnte man ohnedies nur aus Holz und Backsteinen bauen und dann entsprechend dekorieren, wobei auch Naturstein zum Einsatz kommen konnte. Auch wenn Hagenbecks Ideen ohne die Reformbewegungen um 1900 nicht denkbar sind - was die Verkleidung und auch den Gartenstil anbelangt, hat er relativ konventionell gedacht und gestaltet. (02.08.2007, 18:42) | ||
| Michael Mettler: | Wann und wo begann man denn, statt aufgeschichteter Natursteine Kunstfelsen für die Gebirgstiere zu errichten? War Hagenbeck der Erste? Ich habe den Amsterdamer Felsen nicht mehr vor dem geistigen Auge. (02.08.2007, 12:36) | ||
| IP66: | Im Wildschaf-Thread und auch in mancher historischen Diskussion war häufiger von Bergtieranlagen, insbesondere von denen in Berlin, die Rede. Schließlich spielte auch das Bergtierhaus in Dresden als das wohl älteste erhaltene Tierhaus in Deutschland eine Rolle. Wichtig für das Verständnis dieser Anlagen ist eine Generation von Bergtierfelsen, von denen keine Anlage in Deutschland mehr erhalten ist und die auch schlechter als manches Tierhaus dokumentiert sind. Es gibt aber ein Beispiel in erreichbarer Nähe, an das ich nicht gedacht hatte: Es steht in Amsterdam und zeigt, wie klein solche Anlagen waren, es hat den typischen von einem "Gipfel" zum anderen geführten Bogen und auch die eingebaute "Almhütte". Umgeben ist es mittlerweile mit einem Wassergraben. Diese Felsen, die es auch in Hannover und Köln gab, sind die Vorstufe für eie nach Arten sortieren Kletterfelsen, wie sie in der jetzigen Mähnenschafanlage in Berlin noch erhalten sind. Es kann aber sein, daß die Anlagen Hagenbeck zu seinen in Panoramen integrierten Felsen inspiriert haben, daß sozusagen eine Gruppe von den malerischen, den englischen Garten dekorierenden Felsanlagen für die Entwicklung dieser Panoramen eine große Rolle gespielt haben, und man kann sich über das Aussehen dieser Bauten in Amsterdam auch noch ein eigenes Bild machen. (02.08.2007, 11:56) |
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