
| Michael Mettler: | Ein Zufallsfund - zwar schon elf Jahre alt, aber eigentlich noch immer aktuell und lesenswert: http://www.zeit.de/1997/34/Der_Elefant_im_Palastgarten (17.07.2008, 16:28) | ||
| IP66: | Der Andrang in Köln war auch schon sehr groß, als die Anlage mit fünf Tieren eher unterbesetzt und von Jungtieren zwar die Rede, aber noch nichts zu sehen war. Ich denke, daß die Geschehenisse eher für den Anschlußbesuch verantwortlich sind - erst kam die neue Anlage, dann, mit nie gesehenem Pressewirbel, das erste Jungtier, dann allerlei Bildzeitungstiteltaugliches ... Nüchtern würde ich den hannoveraner Bau eher aus heutiger, postmoderner Perskektive nennen: Er löste sich vom Kubus-Primzip, bot mehrere Elefantenaußenanlagen, de große Innenfreianlage und besaß einen auch im Vergleich zu Zürich großen Innenraum. Schließlich eignete ihm die für Hannover so typische Eleganz, die eigentlich die Betonkritik im Zaume hätte halten können. Mein letzter Besuch im Aquarium von Königswinter hat mir allerdings deutlich gemacht, wie wenig Besucher auf Bauten achten. Ich führe gerne mittelalterliche Mönche an, die nach einem langen Leben im Kloster und sieben Gebeten pro Tag immer noch nicht bemerkt hatten, ob ihre Kirche nun gewölbt oder flach gedeckt war, und habe seit Königswinter den Eindruck, daß das bei Zoobesuchern ganz ähnlich ist. So lange man die Tiere sieht, nah genug an sie herankommt und der Käfig resp. das Aquarium nicht übermaßig klein oder groß ist, spielt die Raumgestaltung selbst bei den langweiligsten Fischen kaum eine Rolle, und wenn man noch so viel volkstümliche Zauberdekorationen stapelt. Wichtig schein mir bei manchem substuierenden Bau, daß er "alt" aussieht, nicht im positiv-nostalgischem Sinne, sondern in einem heruntergekommen-überholten. Da fühlt sich der Besucher vernachlässigt - oder wahlweise und argumentativ hübscher das jeweilige Tier. Man müßte einmal den Versuch machen, einen solchen Betonbau grau anzustreichen, alle Leisten und Gitter zu erneuern - vermutlich würde man sich über den Effekt wundern. (09.10.2007, 17:45) | ||
| Michael Mettler: | Es wäre interessant gewesen zu sehen, ob das Publikumsinteresse für den genannten Kölner Elefantenpark gleich hoch geblieben wäre, wenn es nicht kurz nach der Inbetriebnahme mit Elefanten-Machtkampf und ersten Geburten zusätzliche, extrem spektakuläre Highlights gegeben hätte. Auch das nunmehr ehemalige Elefantenhaus in Hannover war ja Anfang der 60er noch ganz frisch, als die damalige Nachzuchtschwemme bei Elefanten, Nashörnern und Flusspferden einsetzte - das hat die eher nüchterne Anlage für den Besucher mit Sicherheit stark aufgewertet. (08.10.2007, 16:58) | ||
| IP66: | Wie populär wann welcher Neubau war, ist immer schwer zu sagen - und dies gilt sicher auch für die Spätphase des neuen Bauens, das ja nicht nur der zeitgenössischen Technikbegeisterung, sondern auch der Abkehr von totalitären Baustilen verpflichtet war. Es dürfte hier auch lokale Unterschiede gegeben haben: Als man in München standesgemäß nur noch Altbauwohnungen beziehen konnte, drängten große Teile der DDR-Bevölkerung in Plattenbauwohnungen, die man im Westen nur mit Mühe hätte zwangsvermiten können. Schließlich wirken Neubauten auf das Publikum immer anziehend (man vergleiche die Reaktion auf den kaum empathischen kölner Elefantenpark mit der auf die entsprechende Anlage in Hannover, die gegenteilig wirkt). Dennoch fällt auf, daß das besagte Phänomen der Wertschätzung von Gründerzeitbauten tatsächlich nicht akademischen, sondern eher mittelständischen Kreisen entwachsen ist, daß mancher Denkmalpfleger von Interessengruppen aus der Bevölkerung gezwungen wurde, historistische Bauten unter Schutz zu stellen. Ich selber war damals noch recht klein, wurde aber häufig von Priestern in neugotischen Kirchen darüber belehrt, daß der Bau, der dem Achtjährigen ganz gut gefiel, keinen Kirchenführer verdiente, der besagtes Kind gerne geschenkt bekommen hätte. Insofern war - und ist - die historitische Tiergartenarchitektur ihres empathischen Charakters wegen wohl immer populär, selbst dann, wenn die Baubeispiele einigermaßen baufällig und verrottet daherkamen und -kommen. Ich glaube jedenfalls nicht, daß Menschen, denen der Zoo in Gelsenkirchen oder das Elefantenhaus in Köln gefällt, sich ihre Argumente aus den Architekturtraktaten von Herrn Venturi erarbeiten. Ob allerdings die empathische Richtung die generell volkstümlichere vorstellt, möchte ich nicht entscheiden. Rein praktisch dürfte es aber derzeit weit schwieriger sein, die Bevölkerung für Bauten wie das Nashornhaus in Zürich oder das Affenhaus in Hannover zu begeistern als für das Tapirhaus in Wuppertal oder das Antilopenhaus in Basel. (08.10.2007, 16:35) | ||
| Michael Mettler: | Haben die "sterilen" Einrichtungselemente bzw. die ganze Bauweise in den 70ern wirklich damals den Besuchern missfallen? Interessante Frage. Verglichen mit dem vorherigen Zustand waren es wahrscheinlich in vielen Zoos Fortschritte sowohl in der Präsentation als auch in der Qualität der Tierhaltung, denn die nüchternen Beton-Stahl-usw.-Konstruktionen lösten doch hie und da manche Holzbaracke, manches Dauerprovisorium und manches in den Nachkriegsjahren nur notdürftig geflickte Haus ab. Man darf auch nicht vergessen, dass damals der Anteil der Besucher aus ländlicher Gegend bzw. mit landwirtschaftlichem Hintergrund größer war und vielleicht mancher Vergleich mit dem Kuh- oder Hühnerstall vom Dorfe gezogen wurde... Ich weiß nicht, ob mich meine Erinnerung trügt, aber gerade die Anfangsjahre der 70er - meine Grundschulzeit - schienen mir durch eine ausgeprägte Technikfaszination gekennzeichnet, vielleicht ausgelöst durch die erste Mondlandung. Auf den damaligen Darstellungen der Zukunft war wenig Platz für Natur und natürliche Strukturen, es herrschte strenge Geometrie vor und die gleichen "kalten" Baumaterialien, wie sie in dieser Zeit auch in Zoobauten überwiegend Verwendung fanden. Da würde es eigentlich ins Bild passen, wenn damals auch Zoobesucher (nicht nur die Bauherren) den heute verpönten Stil der Tierpräsentation als modern, toll und zukunftsträchtig empfanden. (Und vielleicht empfinde ich persönlich den empathischen Stil heute gerade deswegen als angenehmer, weil mir die in Kindertagen präsentierten Zukunftsaussichten als nicht sonderlich erstrebenswert erschienen...) (08.10.2007, 13:33) | ||
| IP66: | Ich finde die Seehundanlage in Bochum deshalb interessant, weil sie einen weitestgehend substituierender Neubau vorstellt, wollte aber nicht jedem Forumsteilnehmer zumuten, diesen kleinen Tierpark zu besuchen, zumal er von manchen Ecken Deutschlands gesehen halt doch recht weit vom Schuß liegt. Aufschlußreich fand ich einen Beitrag in einem anderen Forum, der die Innenkäfige des berliner Niederaffenhauses als zu klein kritisierte. Es handelt sich um riesige und auch in neuen Erlebniszoos nicht übertroffene Innenkäfige, aber aufgrund der substituierenden Einrichtung gefallen sie nicht, sie wirken nicht natürlich. Verglichen werden also nicht Größen, sondern Eindrücke - und ich denke, die intensive Beteiligung von Unternehmensberatungen und die sehr ökonomische Ausrichtung der Zooneubauten in Gelsenkirchen, Hannover und Leipzig strebte genau das Ziel an, Einrichtung zu bauen, die einer möglichst großen Zahl von Besuchern gefallen. Das war in den 70er Jahren anders. (08.10.2007, 11:52) | ||
| Ulli: | @IP66: Das weitaus größte Ballungsgebiet in Deutschland als Randlage zu bezeichnen, finde ich etwas eigenwillig. Zur Seehundanlage in Bochum kann ich noch nichts sagen - wohl aber zu meinem ersten Eindruck in Apenheul vor Jahren zur Gorillaaußenanlage, die ich beeindruckend fand, und dem Gorillahaus, was funktional zwar alles beeinhaltete und durchdacht war - aber auf mich höchst befremdlich wirkte mit als dem Stahl und Glas. @Michael Mettler Vielleicht mag der Spruch "Wann können wir endlich zum Spielplatz gehen" weniger fallen, weil es ihn allerorten gibt - dafür fallen dann öfter die Worte "bitte Pommes", "bitte ein Eis", "kaufst du mir bitte ein ...", die Kinder stehen quengelnd in der Warteschlange am Sambesi oder aber die Kinder hängen an dem Bildschirm im Yukon Pavillon herum ... das die Kinder intensiver als andernorts die Tiere anschauen, ist mir nicht besonders aufgefallen ... Enten und Kormorane werden auch nur am Rande registriert, da man von "Highlight" zu "Highlight" gereicht wird. @Oliver Jahn Olivers Einschätzung hinsichtlich der Empathie zum "Wohle" der Besucher teile ich - Bambushaine und Erlebnispfade sind ausschließlich für die Besucher angelegt! Die "nüchterne" Elefantenaußenanlage im Zoo Osnabrück ist für die Tiere funktionsgerechter (u.a. anderem Beschattung, keine Gräben) als die zweifellos auf den ersten Blick optisch schöne Elefantenanlage im Zoo Hannover. @für alle Auch mit dem Zeitgeist hat Oliver recht - viele heutige Anlagen gefallen mir persönlich allerdings gut und insofern surfe auch ich gern auf der Welle des Zeitgeistes mit. Auch Beobachtenlernen ist von hoher didaktischer Bedeutung für klein ... und groß. Mich persönlich stört ein Suchen der Tiere nicht - und wenn man sie nicht sieht - seis drum. Auch das Schlafen und Verstecken hat eine funktionale Bedeutung für die Tiere und dies muss man auch als Besucher respektieren lernen. Ein Tiger läuft am Tage seine acht Kilometer - egal in welcher Art von Anlage. Im "begrünten Ambiente" wirkt dies beim Besucher nur etwas "ansprechender". Sonst hat man wieder Rilkes Panther vor Augen ... eher beklemmend die Vorstellung. (08.10.2007, 09:19) | ||
| Oliver Jahn: | Also gerade an den neueren Anlagen sieht man meines Erachtens sehr deutlich, dass die Entwicklung weg von der Substitution hin zur Empathie fast ausschließlich zum "Wohle" des Besuchers geschieht. Und damit meine ich, sollten die Zoos einfach offener und ehrlicher umgehen. Wenn ein neuer Indientempel für Elefanten entsteht und der Zoo anschließend verkündet: "Unseren Elefanten geht es jetzt so viel besser!" dann liegt das eben nicht daran, dass die Kulisse jetzt indisch ist, sondern lediglich daran, dass die Anlage generell vergößert und neu struktiert wurde und somit artgerechter, aber eben nicht indischer. Dem Elefanten ist es doch herzlich egal, ob sein Haus oder sein Scheuerbaum aus rotblauem sächsischem Klinker ist, oder ob dieser Klinker indisch verputzt wurde. Alles das, was man den Elefanten z.B. in Leipzig an Haltungsbedingungen verbessert hat, hätte man substituierend genau so gut hinbekommen. Nur der Besucher steht eben momentan auf inische Tempelruinen, darum werden sie gebaut. Wenn ein Zoo noch alte Ecken hat, für die das Geld noch nicht reichte, um sie zu asiatischen oder afrikanischen Pseudolandschaften umzubauen, dann hört man auch mal aus dem Zoo die Worte: "Die Anlage erscheint zwar nicht mehr sehr schön, aber sie bietet unseren Tieren alles, was sie benötigen, um artgerecht gehalten zu werden." Also läuft alles letztlich auf eine Frage des momentanen Zeitgeistes, der Ästhetik und des Geschmacks hinaus, und über letzteren lässt sich ja bekanntlich nicht streiten. (06.10.2007, 12:55) | ||
| Michael Mettler: | Das Thema verlagert sich gerade ein wenig zu sehr auf die Frage "Tierhäuser oder nicht", die sich eigentlich gar nicht stellt - eine reine Haltung in Außenanlagen ist nun mal bei uns nur in den seltensten Fällen möglich. Ob das Haus für Besucher begehbar ist, ist eine ganz andere Frage, und auch das ist nicht davon abhängig, ob der Baukörper irgendwo hinter Kulissen versteckt oder offen präsentiert wird, ob er rein funktional oder empathisch ausgestattet ist. Auch das Grzimek-Haus in Frankfurt ist nun mal ein Tierhaus, und dass sich die Bewohner darin sehr wohl zurückziehen können, wird beim Betrachten der Anlagen schnell klar... Die Entwicklung von der Substitution zur Empathie ist übrigens nicht auf Zoos beschränkt. Ich bin in Kindertagen auf dem Spielplatz auf genauso nüchternen, streng geometrischen Metall-Klettergerüsten und Fertigbetonelementen herumgeturnt wie die Affen in den Häusern der Badezimmer-Ära; bei heute neu angelegten Spielplätzen geht der Trend eindeutig in Richtung Holz, und als Klettergerüste dienen "Burgen" und "Schiffwracks" - letztere z.B. gern am Ufer von Badestränden, womit sich dann ebenfalls ein empathischer Zusammenhang ergäbe. (06.10.2007, 12:10) | ||
| Oliver Jahn: | Ich habe ein wenig Schwierigkeiten, aus dem letzten Beitrag herauszulesen, was der Verfasser nun eigentlich damit zum Ausdruck bringen will. Nur dürfte es ja sicher unstrittig sein, dass es keinem Zoo gelingen dürfte, Tiere in Anlagen zu zeigen, die wie die "freihe" Wildbahn sind. Letztlich hieße das ja auch in der Endkonsequenz Pflanzenfresser und Beutegreifer zusammen zu halten. Von daher ist eine gewisse Substitution in jedem Zoo unabdingbar. Und ein hin zum Entdecken ist sicher mal ganz spannend. Ich mag halt nur die Anlagen nicht, in denen man auch als regelmäßiger Besucher nie ein Tier sieht. Solche Anlagen gehören eben nicht in einen Zoo, denn dessen erste Aufgabe bleibt es nun einmal, Tiere zu zeigen. Zum anderen finde ich es schon etwas überzogen Tierhäuser generell als "Magegerie", womit wohl sicher die Menagerien gemeint sind, zu bezeichnen. Es gibt heute sicher genug Beispiele für Tierhäuser, die überhaupt nichts mehr mit Menagerien zu tun haben. Das Flusspferdhaus in Berlin und die Elefantenhäuser in Leipzig und Köln muss man nicht schön finden. Aber an eine Menagerie erinnern sie ja nun wirklich nicht mehr. (06.10.2007, 11:08) | ||
| Alexander Fuchs: | Ich glaube "einen Ersatzlebensraum" bieten nur Anlagen, die die funktionalität haben, Tiere so zu zeigen wie sie in freiher Wildbahn sind. Das heißt, Anlagen die freiläufig sind und so gestaltet sind, dass sich Tiere zurück ziehen können. So was geht leider nicht in Tierhäusern. Ist leider so, da kann jeder sagen was er will. In Tierhäusern sehe ich alles. Weg mit der Magegerie und hin zum Endtecken. Was zur Architektur und Sonstiges, jedem Zoo selbst überlassen. Leider, nicht immer treffend (Hannover Elefantenanlage [Außenanlage]). Aber eins ist sicher, die Tierhäuser die jetzt gebaut werden; werden auch mal unter Denkmalshutz stehen. (06.10.2007, 00:58) | ||
| IP66: | Ich werden erschlagen von der Übermacht so vieler Antworten. Wichtig wäre vielleicht noch der Hinweis, daß auch die substituierenden Anlagen substituierend in Hinblick auf den Betrachter wirken - will meinen, sie wollen dem Betrachter zeigen, daß sie dem Tier einen Ersatzlebensraum bieten, führen aber vor, daß der Ersatz Ersatz meint und nicht die Wirklichkeit. Es fällt auf, daß diese Anlagen es auch bei der Mehrzahl der Forumsteilnehmer eher schwer haben, was aber auch den realen Bedingungen entspricht und in Zürich zu einem umfassenden Verlust eines sehr stark in diese Richtung geprägten Zoo geführt hat. Deshalb würde ich mich interessieren, wie die neue, aber recht stark in diese Richtung tendierende Seehundanlage in Bochum bewertet wird - sie liegt zwar am Rande Deutschlands und auch in einem kleinen Zoo, aber vielleicht wurde doch jemand dorthin verschlagen oder kennt zumindest den Artikel im Tiergartenrundbrief. (05.10.2007, 18:00) | ||
| Michael Mettler: | Viele der Empathie-Elemente im Besucherbereich werden m.E. dazu eingesetzt, das Interesse der Besucher während des gesamten Rundgangs auf einem möglichst gleichmäßig hohen Level zu halten (was besonders für Kinder gelten dürfte). Ich habe jedenfalls den Eindruck, dass man in den Erlebniszoos wesentlich seltener Gequengel hört wie "Können wir nicht endlich zum Spielplatz gehen"... (05.10.2007, 16:19) | ||
| Ralf Seidel: | @Alexander Fuchs, auch ich bekenne mich dazu - ich mag die Atmosphäre von Tierhäusern. Es zwingt mich ja Niemand, mich dort stundenlang drin aufzuhalten, entdecken kann ich meist auch etwas - ja und wenn ich halt frische Luft brauche, gehe ich wieder raus...)) Das Beispiel Raubtierhaus in Halle: das Haus war zu seiner Zeit modern - das ist es heute nach Umbau auch wieder. Der damalige Überbestand an Arten, Unterarten und Individuen war dem Zeitgeist geschuldet, das war nicht nur in Halle so ! Heute kommt das Haus mit weit weniger Tieren aus und ist ein Anziehungspunkt für die Besucher. Das "Gegenstück" in Leipzig finde ich von der Anlage auch schön - nur wollen die meisten Besucher eben nicht nur die Schwanzquaste oder den linken erahnten Teil eines Löwenohres sehen - die wollen das Tier sehen !! Damit da keine Missverständnisse aufkommen, auch ich bin ein Freund geräumiger Anlagen, möchte die Tiere entdecken und nicht auf dem Präsentierteller serviert bekommen. Aber eine gute Anlage definiert sich eben nicht über die reine Größe allein - eine uralte tiergärtnerische Weisheit. (05.10.2007, 12:42) | ||
| Alexander Fuchs: | Ich persönlich finde weitläufige Anlagen besser als Tierhäuser, denn sie dienten früher nur zu einem Zweck, das zeigen von Tieren (Managerie). Das beste Beispiel, hallesches Raubtierhaus. Wenn ich mir überlege wo man dort die ganzen Tiere untergebracht hat. Kann ich mir keine Vorstellung machen. Geparde, Leoparde, Löwen, 2 verschiedene Tigerarten, mehrere Löwen, Schleichkatzen, tasm. Teufel und ich glaube 14 Wölfe! Die Bausubstanz zu erhalten steht ausser Frage, aber die Häuser für den selben Zweck weiter zu betreiben stell ich in Frage. Wenn ich in den Zoo gehe, dann bin ich an der frischen Luft und möchte mich entspannen und entdecken. In Leipzig die Löwensavanne finde ich sehr gelungen und ich glaube man hat sich das ganz anders, in der Zucht, vorgestellt. Im großen und ganzen, weitläufige Anlagen und alte Tierhäuser erhalten und neue Funktionen zuordnen. (05.10.2007, 10:33) | ||
| Ulli: | Beim Nachdenken über das Thema sind mir gestern noch mehr Beispiele eingefallen, die meine These von einem fließenden Übergang bzw. einer gleichzeitigen sinnvollen Kombination unterstreichen. Wesentliches Kriterium bei der Bewertung von Angemessenheit ist dagegen, ob die Gestaltung noch einen Bezug zur Tieranlage besitzt oder Gefahr läuft, reiner Selbstzweck zu werden. Beispiel Hagenbeck: Das neue Orang-Haus ist im unmittelbaren Tierbereich rein funktional, also Substitution, während der Besucherraum, der Hintergrund und die für die Orangs unerreichbaren Bäume empathisch gestaltet sind. Die scheinbar natürlich gestalteten Seile und Netze sind nur speziell fest geflochten und sind genauso wie die Pendel reine Ersatzlösungen für die Funktionen des Baumes und damit Substitution. Selbst das Dach ist streng nach funktionalen Gesichtspunkten geplant worden. Der ursprüngliche angelegte Rasen hat nicht überlebt und hat damit die Grenzen in der (empathischen) Gehegegestaltung aufgezeigt. Die neue Katta-Anlage im Tropenaquarium ist im Grunde eine rein funktionale Anlage mit einem hübschen, bewusst nicht biotopgerechten Ambiente. Letztlich unterscheidet sich diese Anlage im Aufbau (Funktionalität) nicht wesentlich von der Dril-Anlage im Zoo Hannover – Balkon zum Zurückziehen, Netze statt Gitter, Stromkabel statt Klettergerüste -, sondern einzig und allein nur in der Größe und in der Begehbarkeit der Anlage. Auch hier werden wieder die Grenzen in der Tierhaltung aufgezeigt. Kattas sind den Besuchern im direkten Kontakt zumutbar, Drils oder Meerkatzen aber auf keinen Fall. Die neue Innenanlage für die Elefanten ist rein funktional, also substituierend - nur die Wandgestaltung und der Besucherraum sind empathisch. Lange Zeit habe ich die Dinosaurier für überflüssig gehalten, inzwischen sehe ich durchaus den Wert dieser „Anlage“ in didaktischer Hinsicht (wenn auch Details an den Sauriern falsch sein mögen) und freue mich inzwischen sogar über diese “Anlage“. Für andere mag sie aber durchaus „Selbstzweck“ darstellen. Beispiel Antilopengehege: Die scheinbar natürlich wirkenden Gehegeböden sind in der Regel nichts anderes als reine Kunstgemische von verschiedenen Substraten und damit rein funktional, also substituierend. Beispiel Wasserfall: Der Wasserfall im Regenwaldhaus Hannover war auf den ersten Blick vielleicht empathisch, hatte aber eine wesentliche Funktion für die Klimatisierung des Hauses und war demnach sogar eher substituierend. Der Wasserfall bei der Kodiakbärenanlage in Gelsenkirchen ist dagegen zwar ein hübsches, aber gänzlich überflüssiges Accessoire. Beispiel Cafes: Eine Afrika-Lodge mit afrikanischen Formen und Farben an den Wänden oder den Drechseleien in direkter Nachbarschaft zu einer Afrika-Anlage ist durchaus für die Stimmung der Besucher angemessen, Dies kann in dieser Form auch für ein Andendorf, eine Berghütte oder ein Tibetcafe gelten. Es bleibt aber eine Gradwanderung. Der Aufwand, mit dem der Maharadscha-Saal in Hannover gestaltet wurde und dies eher abseits der Tieranlagen (trotz der Tigerfenster), war meiner Ansicht nach übertrieben, da zu teuer. Beim Maharadscha-Saal besteht durchaus die Gefahr, reiner Selbstzweck zu werden. Gleichzeitig bleiben dringend erforderliche Sanierungsarbeiten im Tierbereich liegen und damit wird der Maharadscha-Saal sogar kontraproduktiv und damit für mich auch ärgerlich. Aber auch bei einer Afrika-Lodge kann man aber die angrenzenden deutschen Eichen nicht wegdiskutieren. Beispiel Hängebrücken: Die Hängebrücken bilden für mich einen klassischen Grenzfall. Die Hängebrücken in Gelsenkirchen und im Tierpark Hagenbeck sind für die gehaltenen Tiere zweifellos ohne jeden Belang. Gleichzeitig haben sie für die Besucher einen hohen Reiz und bieten vielleicht einen zusätzlichen Anreiz, diesen Bereich im Zoo überhaupt aufzusuchen. Beispiel für eine unabhängige Kombination von Empathie und Substituierung: Das Elefantenhaus Hannover ist für mich das Musterbeispiel der Kombination ohne direkten Bezug zueinander. Außen ist das Haus reine Empathie, innen reine Funktionalität, also Substituierung. Vielleicht liegt hierin auch der Grund, dass der Zoo Hannover bewusst auf die Innenpräsentation der Elefanten verzichtet. So bleibt die Illusionskulisse bestehen. Mit demselben Stilmittel arbeitet zum Beispiel aber auch der Zoo Leipzig im Bereich der Lippenbäranlage oder der Tierpark Hagenbeck schon seit 100 Jahren. Michael, übrigens sehe ich kein Problem darin, heimische Pflanzenarten als Kulisse zu verwenden, vielleicht ist es sogar ehrlicher. Die (heimischen) Schattenbäume auf einer Elefantenanlage sind ja auch in erster Linie funktional für die Tiere. Grünkulissen verschmelzen in der Regel im Sommer zu einer Einheit, und nur botanisch Interessierte werden vielleicht hieran Anstoß nehmen. Grünkulissen oder Holzfassaden oder auch stilisierte Palastfassaden sind für die meisten Besucher aber ein freundlicherer Anblick als nackte graue Betonfassaden. Fazit: Dies sind alles ergänzende Beispiele für meine These. Wichtig ist eine gelungene Kombination, die für jeden einzelnen von uns mal mehr und mal weniger gelungen ist. (05.10.2007, 10:31) | ||
| Oliver Jahn: | @Jennifer, natürlich ist in Hannover für meine Tochter Mullewap und das Kinderschminken auch erheblich bedeutsamer und spannender, als die Kaffernbüffel oder die Kaamas. Aber wenn sie in Aschersleben vor dem alten Tigerkäfig steht und zu mir sagt: "Papa, guck mal, da sind deine Lieblingstiere, Streifenhyänen!", dann solltest du mal das Leuchten in meinen Augen sehen und meine vor Stolz geschwellte Brust. :-))) (04.10.2007, 22:23) | ||
| Jennifer Weilguni: | Also ich üersönlich nehme gerne ein bisschen Suchen in Kauf, wenn es auf einer Anlage viele Versteckmöglicheiten gibt, b.z.w. diese so weitläufig ist, dass man die Tiere nicht gleich zu Gesicht bekommt. Erstens denke ich, dass es für die Tiere doch sehr viel angenehmer ist, sich auch mal von den teilweise doch sehr penetranten und nervigen Besuchern zurückziehen zu können und ausserdem weckt dass doch so ein wenig den Entdeckergeist in mir. Lieber bekomme ich ein Tier mal nicht gleich zu Gesicht, als dass es mir in einem kahlen Käfig sozusagen auf dem Silbertablett präsentiert wird. Für mein persönliches Empfinden sind mir natürlich Anlagen und Häuser lieber, die annähernd versuchen eine natürliche Umgebung zu simmulieren, den Tieren hingegen ist die Optik letztendlich egal und darum störe ich mich auch nicht wirklich an etas unansehnlicherern Bauten, solange die Insassen artgerecht gehalten werden. Vor allem ältere Tierhäuser begehe ich sehr gerne, vor allem in Leipzig hat man hier ja teilweise sehr gute Wege beschritten um die historischen Tierhäuser zu erhalten. Es wäre schlichtweg Unsinn, alle Tierhäuser zu verdecken, immerhin sind sie Teil des Zoos und es gibt ja auch viele Tiere, die im Winter gar nicht oder nur begrenzt ins Freie dürfen. Dann sollte der Besucher ja zumindest auch die Möglichkeit haben, die Tiere in ihren Häusern zu besuchen. @Oliver Jahn Wenn sich Deine Tochter "nur" von der Dekoration der Anlagen ablenken lässtm hat Du noch richtiges Glück ! Wenn ich als im Zoo mitbekomme, wie jedes noch so seltene, niedliche oder zutrauliche Tier verblasst, nur weil man auf irgendwelchen interaktiven Touch-Screens rumdrücken kann oder ein Spielplatz in der Nähe ist :-))))))) (04.10.2007, 22:10) | ||
| Oliver Jahn: | Als bekennender Freund der historischen Zoos mag ich Tierhäuser sehr gern, die man auch sieht, und in denen man auch Tiere sieht. Ein schönes Bauwerk, egal ob empathisch oder substituierend, wenn es den Bedürfnissen des Tieres entspricht, ist mir sehr viel lieber, als Tierhäuser, die so gestaltet sind, dass man sie nicht wahrnimmt. Ich empfinde sie auch als Schmuck eines Zoos. Und da mag ich empathische Bauten, wie das Budapester Dickhäuterhaus, genau so sehr, wie substituierende Bauten, wie das Hallesche Raubtierhaus. Für mich ist es nach wie vor die erste Aufgabe eines Zoos, Tiere zu zeigen. Vieles kann ich meiner Tochter (4,5 Jahre) besser in einem substituierenden Gehege über das Tier vermitteln, denn es gibt halt nicht so viel drum herum, was ablenkt. Zum anderen sind viele empathische Bauten ja auch eine Gaukelei, die ich hinterher dann wieder gerade rücken muss. Wie oft hatten wir hier schon Gemeinschaftshaltungen, die in Natura so nie auftreten. Oder die Elefanten, die nicht nur in Hannover, sondern auch in Leipzig und Hamburg in indischen Tempeln leben. Von daher kann ich eigentlich nur sehr vielem aus Ullis Beitrag aber auch aus Michaels Beitrag zustimmen. Müsste ich aber entscheiden, dann würde ich "meinen" Zoo sicher eher substituierend bauen, da die alte Form der empathischen Bauten heute nicht mehr sehr zeitgemäß ist, die neuen empathischen Bauten mir persönlich aber viel zu oft viel zu viel Anlage und viel zu wenig Tier zeigen, wie zum Beispiel die Löwen- und die Tigeranlagen in Leipzig. (04.10.2007, 22:00) | ||
| Michael Mettler: | Ein faszinierendes und vielschichtiges Thema, das sich übrigens gar nicht so leicht in zwei Gegensätze gliedern lässt, wie man auf den ersten Blick meint. Dazu braucht man den Blick nur mal in eine durchschnittliche Fasanerie werfen: Konsequente Substitution würde bedeuten, den Baumbewohnern stehen nur ein paar (gerade) Sitzstangen und den Bodenbewohnern Schutzhüttchen zur Verfügung, konsequente Empathie bestünde in einem "Biotopausschnitt". Selbst eine üppig bepflanzte Voliere enthält aber in der Regel menschgemachte Nistkörbe oder -kästen oder z.T. in Form geschnittene Gehölze, also Artefakte, und das möglicherweise vor einer Glasbaustein- oder Fachwerkwand. Wenn dann zwischen Sibirischem Hartriegel und Goldzypresse noch ein paar afrikanische oder australische Kiebitze präsentiert werden, ist das Durcheinander perfekt... Grundsätzlich würde ich mich als Freund der empathischen Richtung bezeichnen - das war nicht immer so. Aber auch hier setze ich für mich selbst eine Grenze, denn ich besuche einen Zoo, um Tiere zu SEHEN - und wenn ich in einem noch so perfekten Naturausschnitt auch bei intensiver Suche keins finde, dann können mich auch nicht ein paar am Wegesrand stehende Mitmach-Elemente oder ein Tiger-, Elefanten- oder Sonstwas-Pfad "trösten" - sowas betrachte ich als Ergänzung zum Tiererlebnis, nicht als Ersatz. Andersrum stören mich solche Sachen auch nur dann, wenn sie mit dem Tier in unmittelbare Konkurrenz um Aufmerksamkeit treten. Will sagen: Das vielzitierte Landroverwrack stört mich wenig, wenn es an einem Verbindungsweg zwischen zwei Gehegen steht. Platziert man es z.B. direkt an einem Gehege-Einblick, entsteht dagegen eine Konkurrenzsituation. Selten in der Kritik, dass das Drumherum vom Tier ablenkt, stehen übrigens Bereiche der Tierpräsentation, in denen schon lange empathisch gestaltet wird. Substitutionshaltung könnte z.B. bei Schlangen so aussehen wie bei vielen Privathaltern (vor allem in den USA): Ein Stück Kunstrasen oder eine Schicht Zeitungspapier als Untergrund, ein Tontopf als Höhle und Scheuermöglichkeit (Häutungshilfe) und ein Wassergefäß als Trink- und Badebecken. Für Riffe bewohnende Fische könnte man als Substitution genauso gut ein Autowrack im Becken versenken. Ich denke aber, dass ich nicht der einzige Zoofan bin, der eine Klapperschlange lieber in einer Pseudowüste und einen Pinzettfisch lieber in einem Pseudo-Korallenriff sieht. @Ulli: Mag sein, dass viele Besucher keinen sinnvollen Bezug zwischen Elefant und Dschungelpalast in Hannover erstellen. Aber auch ein durch Begrünung verdeckter Baukörper wäre letztlich nur Augenwischerei und Darstellung einer Illusion, da hierzulande zwangsläufig winterharte Pflanzenarten verwendet werden müssen, die in keinem Zusammenhang mit dem tropischen Lebensraum des Elefanten stehen - sondern ebenfalls nur Substitute = Ersatz sind. Und zum Vergleich mit Rheine: Auch Sumatratiger leben in der Natur gemeinhin nicht in und vor gekachelten oder verklinkerten, kubischen Räumen und Sitatungas nicht auf Kurzgraswiesen... (04.10.2007, 17:43) | ||
| Ulli: | Meine Sichtweise kann ich am besten an konkreten Beispielen veranschaulichen. Es ist sicher beides in einem Zoo, sogar bei ein und derselben Tieranlage möglich: Bei (größeren) Affen ist im Innenbereich nur eine funktionale Anlage, also Substitution, möglich, umgekehrt ist im Außenbereich nicht zuletzt aufgrund der größeren Flächen auch eine begrünte, gemeinhin als naturnah geltende Anlage, also eher empathisch, möglich. Grundsätzlich ist es immer schwierig, große Tiere nicht in erster Linie nach funktionalen Gesichtspunkten unterzubringen – Elefanten sind hier ein Musterbeispiel. Empathie findet hier höchstens durch Bambushaine, Elefanten-Denkmäler, Kinder-Reit-Elefanten oder einen „landestypisch angehauchten“ Pavillon ausschließlich im Besucherbereich (!) statt. Grundsätzlich bin ich schon ein Freund begehbarer und begrünter Tropenhäuser wie Masoala im Zoo Zürich oder das frühere Regenwaldhaus in Hannover, möglichst „regional korrekt“ bestückt. Ich weiß aber auch, dass dann nur eine begrenzte Anzahl von Tieren gehalten werden kann. Andererseits ist aber die Botanik in solchen Häusern von ebenso großer Bedeutung. Problematisch finde ich die Ideologie der Erlebniszoos. Hier wird den Besuchern ein Erleben gemäß der medialen Übermittlung durch das Fernsehen, aber weniger der Realität vermittelt. (P.S. dies kann man auch Regenwaldhäusern mit der vermeintlichen Fülle an größeren Tieren auf kleinstem Raum im Vergleich zum realen Regenwald vorwerfen). Bei „Erlebniszoos“ steht mir viel zu sehr das reine Ambiente im Vordergrund, dass einerseits ohne Bedeutung für die gehaltenen Tierarten an sich ist und andererseits auch weitgehend ohne didaktischen oder zoopädagogischen Ansatz bleibt. Im Naturzoo Rheine, in weiten Teilen sicher ein Musterbeispiel der empathischen Richtung, gibt es überall etwas zu drehen und zu berühren, man kann selbstständig Erlebnis-Pfade erkunden, man kann bei Bedarf auf vielfältige Weise Informationen aufnehmen … und man kann in weiten Teilen mit den Tieren engen Kontakt aufnehmen, was für die Besucher besonders attraktiv ist. Dabei sind diese Informationsangebote meistens zurückhaltend an den Rand positioniert, wo sie für die weniger hieran Interessierten nicht störend oder aufdringlich wirken. Bemerkenswert am Naturzoo Rheine ist aber auch der Verzicht auf das krampfhafte Bemühen, vermeintlich „landestypische“ Bestandteile der exotischen Arten mit in die Anlagen einzubauen. Gerade aus diesen beschriebenen Gründen ist für mich der Naturzoo Rheine ein mustergültiger und vorbildlicher Zoo. Hannover ist nun das Gegenstück hierzu, sogar in doppelter Hinsicht. Der alte Zoo der Dittrich-Ära war das Musterbeispiel reiner Funktionalität – diese Art Zoo ist sicher Geschmackssache. In Bezug auf die Affen wurden aber sämtliche Funktionalitäten eine Baumes, also Nahrung, Klettern, Rangordnung oder sich aus den Blicken gehen abgebildet – damit hat die Anlage ihren funktionalen Zweck erfüllt. Das Urwaldhaus von 1982 war sicher eine Fehlplanung, weil den untergebrachten Tieren wenig an Beschäftigungsmöglichkeiten bietet. Immerhin bietet man den Tieren einen rückwärtigen Bereich zum Zurückziehen. Dennoch sind die längst geplanten Kuppeln überfällig. Interessanterweise stand hier das erste Mal im Zoo Hannover durch die Urwaldbepflanzung und die verschlungene Wegführung die Wirkung auf die Besucher im Vordergrund. Diese Vorgehensweise wurde während der Machens-Ära zum allgemeinverbindlichen Credo im Zoo Hannover. Der neue Zoo ist im Außenbereich ein Musterbeispiel einer besonderen Art von Empathie, also des auf sich Wirken lassen des Geländes ohne eigenes Zutun oder eines besonderen aktiven Handeln seitens der Besucher. Im Bereich Sambesi, Dschungelpalast und wahrscheinlich Yukon-Bay kommt dies im Vergleich zum Vorgehen in Rheine einer reinen Konsumentenhaltung gleich. Übrigens sind die neuen Tierhäuser in Hannover oder auch in Leipzig im Innenbereich rein funktionale Zweckbauten – also Substitution. In Bezug auf die Affen, also die Anlagen der Gibbons und der Gorillas, sind die neuen Anlagen sogar ein Rückschritt in Hinblick auf die Funktionalität und die artgemäße Unterbringung. Die Klettermöglichkeiten der Gibbons auf der Insel sind sehr eingeschränkt. Der Wassergraben hat für die Gorillas überhaupt keine Funktion und ist sogar, siehe die Vergangenheit, gefährlich für die Tiere. Auch der rückwärtige riesige Graben (so groß wie die gesamte Anlage!) kommt einzig der Optik der Besucher entgegen, ist aber meines Wissens für die Tiere nicht nutzbar. Besonders grotesk ist die Höhle, die zwar den Besuchern umfassenden Schatten im Sommer bietet - die Gorillas aber ihrerseits nur durch Anschmiegen an die Wände die Restschatten auf der Anlage nutzen können. Wenn aber Teile einer Anlage den Bedürfnissen der bewohnenden Tierarten entgegenstehen, kann man dann nicht von einer gelungenen Tierhaltung sprechen. Da nutzt dann auch das ganze Ambiente nichts. Aber gerade am Gorillaberg besteht auch die Möglichkeit, durch entsprechende Umbauten die Fläche beträchtlich zu vergrößern, Schattenplätze einzubauen und den Gorillas beispielsweise durch Hereinnahme der Meerkatzen und der Drils eine Reizanreicherung zu bieten und damit den Außenbereich des Gorillaberges zu einer wirklich mustergültigen Anlage aufzuwerten, ohne Abstriche im Besucherbereich vornehmen zu müssen. Hier sind im Vergleich nur Apenheul oder Duisburg als Vertreter des „tradionellen“ Zoos zu erwähnen. Zur Ehrenrettung des Gorillaberges und auch von Meyers Hof (beides übrigens Planungen lange vor der Machens-Ära) muss ich aber betonen, dass in Teilen ähnliche Ansätze wie in Rheine verfolgt wurden – z.B. die gesamte Wegführung, die Spuren der Menschen auf dem Weg, die Schädel, die Gorillaskulptur oder um den anderen Bereich zu nennen, das Melken der Kühe (kein Anspruch auf Vollständigkeit). Andererseits sind aber der Landrover (obwohl meine Kinder ihn als Reparaturwerkstatt und Klettergerät mit Einstieg nach innen für sich neu, für den Zoo aber zweckfremd, erschließen) oder das klischeehafte Forschercamp Musterbeispiele einer verfehlten Vermittlung oder um den Begriff zu verwenden - Empathie. Die alten Zoobauten des 19.Jh., die es vielerorts noch zu sehen gibt, sind häufig wunderschön und deshalb auch erhaltenswert. Zweifellos habe ich den Abriss des alten Münsteraner Elefantenhauses bedauert und freue mich, dass wenigstens einige der alten Landois-Bauten noch erhalten ist. Wenn es gelingt, diese Tierbauten auch noch für Tierzwecke nach heutigen Kriterien zu nutzen oder es gelingt, sie in die Landschaft einzupassen, ist es umso schöner. Man kann nicht jedes alte Zoogebäude zu einem Zoomuseum oder einem Arche-Noah-Infozentrum umbauen. Falls man aus Platzgründen dennoch das Areal dieser alten Bauten nutzen muss, ist eine zumindest teilweise Erhaltung der prägnanten Teile, meistens die Außenfassaden, anzustreben. Wenn ich heute Zoobauten realisieren müsste, würde ich die eher „versteckte“ Bauweise hinter Hügeln oder Grünkulissen befürworten. Selbst die imposante Voliere im Münchner Tiergarten fällt im unmittelbaren Umfeld der Anlage oder in ihr drin kaum noch auf. Das imposante Regenwaldhaus im Herrenhäuser Garten fällt trotz seiner beeindruckenden Architektur, allerdings wohltuend eingegliedert in das gesamte Umfeld, als Baukörper auch kaum auf. Den Nachbau der Palastruinen von Ranthambore wie beim Dschungelpalast in Hannover empfinde ich dagegen als eher unzeitgemäß und anachronistisch. Nur mit Mühe kann man zwischen den Elefanten oder anderen Bewohnern und dem Palast den Bezug herstellen. Zwar haben Elefanten einen rituellen Status in Indien, trotzdem leben sie gemeinhin nicht in Palästen. Tiger werden höchstens in Palästen höchstens in Zwingern gehalten und ansonsten in der Nähe menschlicher Besiedlungen eher abgeschossen. Und auch hier taucht wieder das Schattenproblem auf… Im Vergleich zu vielen Elefantenhaus-Betonbauten ist der Dschungelpalast zweifellos von außen eine Schönheit, nur kann man auch solche wuchtigen Betonbauten durch davor gelagerte, den Tieren unzugängliche, Grünbereiche kaschieren oder die gesamten Baukörper stärker in die Erde hineinverlagern und ihnen damit viel von der Wucht nehmen. Den Innenbereich des Münsteraner Elefantenhauses finde ich aus zwei Gründen gelungen: die nackten Wände wurden geschickt durch die modellierten Steinwände - Empathie - kaschiert und es gibt den schönen funktionalen Experimentier-Erlebnisbereich für klein … und groß. Und mit diesem Erlebnisbereich kommt man dem Verständnis der Elefanten näher als mit Palastnachbauten… Fazit: eine naturnahe, meinetwegen auch empathische, Gestaltung mit einer auch für die Tiere befriedigenden Gestaltung und einer angemessenen Funktionalität kommt meinen Vorstellungen nahe. Demnach sind Substitution und Empathie von Haus aus kein zwingendes Gegensatzpaar, sondern sie ergänzen sich sogar. Ein weitaus größeres Gegensatzpaar bildet für mich daher eher der „Konsum-Zoo“ , der gemeinhin als Erlebniszoo (!???) firmiert, mit einem permanenten „unter Strom“ - Halten der Besucher in Richtung eines Freizeitparkes – ein Modell, für dass in zunehmendem Maße leider der Zoo Hannover steht, und im Vergleich hierzu der weitläufige Landschaftszoo mit Parkcharakter, Verweilzonen sowie umfassenden didaktischen Angeboten zur Selbsterkundung – ein Modell, für dass der Naturzoo Rheine, der Tiergarten Nürnberg aber auch der Tierpark Hagenbeck steht. Seitenblicke auf die „Erlebniszoos“ wie Hannover mit dem Aufnehmen pfiffiger Ideen seien erlaubt, als Vorbildfunktion können diese Entwicklungen für die Zoowelt nicht dienen. Auf die „Haue“ im Forum freue ich mich schon !!! (04.10.2007, 16:11) | ||
| Sacha: | Ich kann die Unterscheidung wohl nachvollziehen, frage mich aber, ob sich das ganze nicht erübrigt, da viele Zoos sowohl die eine wie die andere Präsentationsform benutzen und beide Wege erfolgreich (Zucht, Nähe zum Tier) sein KOENNEN. In der Regel gefallen mir Anlagen am meisten, bei denen Gebäude und Abschrankungen nicht zu sehen sind oder kaum auffallen. Also ein Stück vorgegaukelter Lebensraum, der dem natürlichen Lebensraum so ähnlich wie möglich sein sollte. Da können dann gewisse Elemente ruhig auch künstlich sein (Mangrovenbäume, GUT GEMACHTE Hintergrundbemalung, modelierte Felsen oder echte heimische Bäume, die man auf Schirmakazien zurechtschneidet.) Ich kann mich aber ebenso mit der Imersionsgestaltung, also Elefantenpagoden, russische Blockhäuser usw. anfreunden, wenn diese detailgetreu und liebevoll gemacht sind (Wobei ich es grundsätzlich vorziehe, wenn solche Bauten nicht der Tierhaltung dienen.) Ein Restaurant im Stil einer afrikanischen Lodge mit Blick auf die Savannenanlage finde ich genial. Besonders, wenn dort auch noch Gerichte angeboten werden, die dem Umfeld entsprechen. Ideal sind auch Zookassen, Shops, didaktische Anlagen und Infostellen, die in Form eines Iglus, afrikanischen Rondavels oder südamerikanischer Urwaldhütte gebaut sind und sich harmonisch ins Gesamtbild einfügen. Die Gefahr ist allerdings gross, dass zum Zweck der Imersion das ganze überladen wird. Manchmal wünsche ich mir ein paar ausrangierte Jeeps, Götzenfiguren, surrende Funkgeräte und Goldgräbergeister weniger.... Die rein funktionellen Anlagen (Badezimmerarchitektur bei Affen, Raubkatzenzuchtstationen) sind wohl überholt resp. gehören nicht mehr in den Schaubereich. (04.10.2007, 13:54) | ||
| IP66: | Zuletzt spielte die Frage in der Diskussion um Haustieranlagen eine Rolle, sie hat aber auch die Eröerterung von Bauten des letzten Drittels des 20. Jahrhunderts eine Rolle gespielt und war eigentlich immer präsent. Es geht um zwei verschiedene Prinzipien bei der Gehegegestaltung. Das erste versucht, die Tiere in einer Umwelt vorzuführen, die ihnen zwar alle lebensnotwendigen Dinge zur Verfügung stellt, aber dergestalt, daß sie als künstliche, vom Menschen gemachte Artefakte erkennbar sind. Deshalb der von mir verwendete Begriff der Substitution. Die zweite dagegen ist bestrebt, ein Naturerlebnis nachzubauen, also neben dem Exponat Tier möglichst viele vom Besucher für charakteristisch und natürlich erachtete Elemente zu versammeln. Das habe ich empathisch genannt, weil es auf eine Gesamterfahrung zielt, in der das Tier nur ein Teil des Ganzen ist. Beide Systeme konkurrieren vermutlich, seit man Tiere ausstellt - man kann historische Tierhäuser wie die berliner Elefantenpagode als empathisch verstehen, eine Wandermenagerie als substituierend. Mich würde interessieren, ob Forumsteilnehmer diese Unterscheidung nachvollziehen können und was sie davon halten. (04.10.2007, 11:53) |
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