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Ich halte das für denkbar, würde aber zur genaueren Prüfung gerne einen Grundriß sehen. Raubtierhaltung in geschlossenen Räumen und dafür vorgesehenen Käfigen gab es schon im 17. Jahrhundert, wobei ich allerdings nicht bestimmen kann, wann der in Amterdam verwirklichte Galerietypus erstmalig verwendet wurde. (21.12.2008, 16:01)
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Michael Mettler:
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Möglicherweise befand sich einer der genannten Dickhäuterställe an der Stelle dieses heutigen Außenkäfigs, der an einer Stirnseite der eigentlichen Galerie liegt? (20.12.2008, 11:36)
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Michael Mettler:
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Laut einem Besuchsbericht von 1889 im "Zoologischen Garten" hatte die Raubtiergalerie in Amsterdam zu diesem Zeitpunkt keine Außenkäfige. Die Innenkäfige standen entlang der Nordwand im Haus, die Südwand enthielt eine große Glasfront, deren Fenster im Sommer geöffnet wurden. Demnach müsste sich der Besuchergang einst zwischen Innenkäfigen und Glasfront befunden haben und wurde später zu Außenkäfigen umgewandelt. (Aktuelles Foto eines Außenkäfigs anbei.) An den Enden der Galerie waren je ein Elefanten- und Nashornstall angebaut. (20.12.2008, 11:13)
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Michael Mettler:
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Neuer Zwischenstand in Sachen Amsterdam, da der aktuelle Zooführer ein wenig Geschichte enthält: Das Ibishaus war vor seiner Nutzung als Vogelhaus das Landhaus des vorherigen Grundstücksbesitzers. Die zweireihige Fasanerie daneben entstand schon 1850! Das "Wolfshaus" heißt mit richtigem Namen "Eik en Linde" und hat eine wechselvole Geschichte hinter sich, denn nach seiner Herbergszeit enthielt es außer Raubtieren (auf der heutigen Waschbärenanlage lebten früher die Lippenbären!) zeitweise eine Brutmaschine, eine Lachszucht, Eulen und Greifvögel oder die Arbeitszimmer von Biologen. Ein weiteres übernommenes Gebäude aus der Vor-Artis-Zeit ist das "Alte Brutmaschinenhäuschen", das neben den Anlage für Kleine Pandas steht und heute das Stallgebäude für Helmkasuare bildet. Außer der Brutmaschine gab es in diesem Haus im Laufe der Geschichte Tauben, einen Eisbären, Hirscheber und eine Seekuh... Artis scheint darauf spezialisiert gewesen zu sein, "menschliche" Gebäude in Tierhäuser umzuwandeln. So stand einst auf dem Boden des heutigen Gorilla-Flusspferd-Hauses, der damals noch nicht zum Zoo gehörte, ein großes Gebäude mit einer Reisschälmühle. Nach Ankauf des Geländes 1868 zogen in dieses Haus die Flusspferde ein! Da fällt die Raubtiergalerie von 1859 richtig aus dem Rahmen, die wurde tatsächlich extra für die Raubtiere gebaut. (23.10.2008, 18:54)
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Michael Mettler:
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Ich bin noch beim Quellenstudium bezüglich Amsterdam... Über die Homepage ließ sich wenigstens herausbekommen, dass es in Artis noch heute Tiergebäude gibt, die älter sind als der Zoo. Es sind dies das Ibishaus (wohl das Gebäude neben der eigentlichen Fasanerie, in dem u.a. Rote Sichler gehalten werden) und das "Wolfshaus", in dem heute Afrikanische Wildhunde und Waschbären leben, früher u.a. Wölfe, Hyänen und Bären - letzteres Haus war vor Zoogründung eine Herberge! (23.10.2008, 15:43)
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Fragliche amsterdamer Gebäude könnte man ja einmal nach der Erscheinung zu datieren versuchen - stilistische Kriterien gibt es ja auch noch, und manchmal kann man sich auf solche Merkmale besser verlassen als auf Beischriften von Abbildungen.
Als ich den Thread eröffnet habe, dachte ich eigentlich weniger an die ersten Aktienzoos auf dem Kontinent als vielmehr an die so wenig bekannten Menagerien in englischen Gärten, die mir am besten durch die Ausgestaltung der Pfaueninsel bekannt sind. Ich finde die derzeitigen Erkenntnisse aber durchaus bereichernd - auch wenn sie belegen, daß wir über die Aktienzoos viel mehr wissen als über ihre Vorgänger. (23.10.2008, 14:49)
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Michael Mettler:
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In den Chroniken, die ich in den letzten Tagen für unsere Diskussionen durchgeblättert habe, tauchen immer wieder Amsterdam (eröffnet 1838) und Antwerpen (eröffnet 1843) als DIE entscheidenden Vorbilder für mitteleuropäische Zoogründungen des 19.Jh. auf; Rotterdam (eröffnet 1857) kommt noch hinzu, hatte sich aber wahrscheinlich wiederum schon Manches aus den beiden genannten Gärten abgeschaut. Die schon früher gegründeten Zoos auf den Britischen Inseln scheinen hingegen nur wenig Einfluss auf Kontinentaleuropa ausgeübt zu haben, was zumindest beim altehrwürdigen Londoner Zoo ein wenig verwundert, und Berlin wurde erst in der Bodinus-Ära zum Trendsetter. Wie gesagt, es ist schade, dass ich die alten Amsterdamer Darstellungen in meinem Buch nicht zeitlich einordnen kann, um einen besseren Vergleich mit Antwerpen zu haben. (22.10.2008, 12:40)
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Vielleicht darf man sich den Stallbesuch in den Anfangsjahren des antwerpener Zoos auch nicht so museal vorstellen, wie er das dann im neuen Warmhaus wurde. Da meist Pfleger verfügbar waren und der Zugang zur Anlage ja kontrolliert wurde, war sicher manche Tür offen oder konnte auf Anfrage geöffnet werden. Mit Blick auf die Adlergalerie - und vielleicht auch die Raubtierkäfige im Souterrain des Gesellschaftshauses scheint mir immer deutlicher zu werden, daß der antwerpener Zoo eine Prototyp für den Aktienzoo der zweiten Jahrhunderthälfte vorstellt, der selbst Neubauten wie das Elefantenhaus in Berlin alt aussehen ließ und ganz wesentlich zur Überwindung des Bidermeierzoos beitrug. (22.10.2008, 10:37)
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Michael Mettler:
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Leider gibt der Text der Antwerpener Chronik kein bisschen Information über dieses Haus her. Immerhin konnte ich nebenher noch herausbekommen, dass der Ägyptische Tempel 1856 (nicht, wie ich dachte, 1855) errichtet wurde und die Greifvogelgalerie 1855. Das ist insofern nicht ganz unwichtig, weil sich damit die unten eingestellte Abbildung recht genau datieren lässt: Greifvogelgalerie schon zu sehen, Tempel noch nicht. Der fehlende Flügel der Greifvogelgalerie wurde übrigens 1957 abgerissen - leider fehlt die Angabe, warum. Bei der Restaurierung wird er wohl auch kaum wieder "auferstehen", denn er stünde dem Durchgang zur projektierten Gorillaanlage (hinter dem Okapi-Haus = Maurischen Tempel) im Wege.
Nebenbei fand ich auch noch heraus, dass Gasbeleuchtung erst 1863 Einzug in den Antwerpener Zoo hielt, also wie alle Innenräume sowohl der Holz-Großtierstall als auch anfangs der Ägyptische Tempel noch mit Petroleum- oder Öllampen beleuchtet wurden. (21.10.2008, 21:34)
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Michael Mettler:
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Aus einem anderen Blickwinkel betrachtet: Hätte man das Haus so groß gebaut, wenn es NICHT für Publikumsverkehr gedacht war? Angesichts der Heizprobleme, die Max Schmidt im ZG so anschaulich geschildert hat, und der damals allgemein üblichen engen Stallboxen hätte es doch sonst auch ein erheblich kleineres Gebäude getan.
Ich weiß nicht, ob das im Haus herrschende Dämmerlicht die damaligen Besucher so sehr gestört hat. Die Stallungen ihrer eigenen Pferde dürften doch auch nicht viel heller gewesen sein, und selbst im eigenen Wohnhaus war man keine lückenlose Ausleuchtung gewohnt - wir sind heute in dieser Hinsicht eben sehr verwöhnt. (21.10.2008, 17:55)
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Ich halte es ebenfalls für wahrscheinlich, daß die Tiere im Winter für das Publikum sichtbar waren, auch wenn man sich dergleichen Sichtbarkeit in diesem fensterarmen Gebäude, gerade im Zeitalter der Gaslichter, nicht mit der Elle der lichtdurchfluteten Tierhäuser nach 1945 gemessen vorstellen darf. Ich vermute sogar, daß diese Form winterlicher Zoonutzung einer der Beweggründe war, neben dem Gesellschaftshaus auch begehbare und repräsentative Tierhäuser zu schaffen, um den Club der Aktionäre wetterunabhängige Treffpunkte zur Verfügung stellen zu können. Das gipfelte in Bodinus' Wintergarten im Antilopenhaus, war aber im Großtierhaus in Antwerpen schon angelegt. (21.10.2008, 17:32)
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Michael Mettler:
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Dazu wage ich die Deutung, dass der zwischen Giraffenstall und Elefantenauslauf sichtbare Hauseingang für Besucher gedacht war. Zumindest habe ich das Gefühl, dass Versorgungszugänge bei Bauten dieser Zeit nicht so "großräumig" präsentiert wurden. (21.10.2008, 10:10)
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Sicherlich spielte der hölzerne Stall bei der Konzeption des Großtierhauses eine wichtige Rolle. Ich weiß allerdings nicht, ob er für die Besucher begehbar war und in einem Zug entstand oder nach und nach zusammengezimmert wurde. (21.10.2008, 10:01)
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Michael Mettler:
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Abbildung aus der Antwerpener Chronik; muss vor 1855 entstanden sein, sonst hätte man den Ägyptischen Tempel mit Sicherheit eingebunden. Oben ist gewissermaßen dessen Vorgänger zu sehen, ein Gebäude für (mindestens) Elefanten und Giraffen, dessen hölzerner Giraffenstall ein wenig an einen Silo erinnert. Unten die Greifvogelgalerie, die größtenteils noch heute existiert (steht allerdings gerade leer und soll restauriert werden). Ihr fehlt heute nur der linke Außenbereich (Endvoliere und Bogengang); in einem Zooplan von 1937 ist die Galerie noch vollständig. (21.10.2008, 09:51)
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Michael Mettler:
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Zwar habe ich mit "Het Boek van Artis" von Leonard de Vries ein Werk über den Amsterdamer Zoo, der ja ebenfalls in der ersten Hälfte des 19. Jh. eröffnet wurde, mit Aberdutzenden historischer Abbildungen im Bestand, aber leider ist dieses nicht chronologisch geordnet und bei fast allen Bildern fehlt die Datierung. Um Baustile oder auch nur die Moden der abgebildeten Besucher zeitlich einordnen zu können, fehlt mir das passende Wissen. Ich erwähne es deshalb nur, weil es für den historisch Interessierten sicherlich eine wahre Fundgrube über die Gründerära der Zoos darstellt. Da das Buch bereits 1981 erschien, dürfte es aber nur noch antiquarisch zu bekommen sein. (20.10.2008, 10:54)
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Auch ich würde die Raubtiergalerie in Rotterdam mit den berliner Bauten vergleichen. Durch die Anbindung an das Winterhaus verliert sie allerdings, im Gegensatz zu Berlin, ihren Sinn als Parkstaffage und wird Teil einer Tierhaltung am Wirtschaftshof bzw. Warmhaus. Dergleichen gab es auch in Berlin, wo sich um das Warmhaus einige Käfige und Gehege gruppierten. Ich kann mir vorstellen, daß hier aus Gründen der Praktikabilität etwas entstand, was die Gartenarchitekten nicht gerne sahen, aber zum Ausgangspunkt für die Entwicklung größerer Tierhäuser wurde.
Ganz anders der Löwenkäfig. Frei stehende Tempel oder auch Borkenhütten gab es in den meisten englischen Gärten - man denke nur an den Monopteros oder den chinesischem Turm in München. An ihre Stelle einen Käfig zu setzen, bedeutete eine nahe liegende Idee, deren Herkunft man noch am Satteldach des Käfigs, das den zitierten Hütten abgesehen sein könnte, ablesen kann. In London muß es noch recht lange einen vergleichbaren Eisbärenkäfig gegeben haben, der ebenfalls umschreitbar war, allerdings, kein Satteldach besaß und auch und, wie in England üblich, nicht Bestandteil eines englischen Gartens war. (20.10.2008, 10:27)
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Michael Mettler:
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Ebenfalls Rotterdam, Löwenkäfig von 1857/58. Laut Chronik galt dieser rundum einsehbare Käfig damals als revolutionäre Neuentwicklung, weil man Großkatzen bis dahin angeblich ausschließlich in geschlossenen Käfigen mit nur einer Gitterfront gehalten hatte. In diesem Käfig wurden sehr viel später statt der Löwen Eisbären gehalten (ohne Wasserbecken!). (19.10.2008, 23:06)
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Michael Mettler:
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Rotterdam, Raubtiergalerie, Darstellung um 1860 (der Zoo wurde 1857 eröffnet). Das Gebäude hinter der vorgesetzten Käfigreihe müsste das Winterhaus des damaligen Tiergartens gewesen sein (leider habe ich die ausgeliehene Jubiläumschronik gerade zurückgegeben, ein paar Bilder wie dieses hatte ich mir daraus abfotografiert). Ähnlich haben auch die ersten Großraubtierkäfige des Berliner Zoos ausgesehen, nur dass sie dort als reine Sommerkäfige weitab vom Winterhaus in der Parklandschaft standen und die Tiere zweimal im Jahr umgesetzt werden mussten. Das Rotterdamer Winterhaus diente wohlgemerkt nicht nur den Großkatzen als Winterquartier, sondern war - wie andere Häuser gleichen Namens in anderen Zoos - eine Art Zentralgebäude für wärmebedürftige Tiere. Wenn man so will, hat sich ein solcher Gebäudetypus mancherorts durchaus noch in neuere Zeit hinübergerettet, z.B. die Rivierahalle in Rotterdam oder das Hauptgebäude in Zürich, in dem noch bis in die Hediger-Ära sogar die Elefanten und Nashörner untergebracht waren, bevor sie eigene Gebäude bekamen. (19.10.2008, 22:57)
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Anknüpfend an die Diskussion über Elefantenhaltung im 19. Jahrhundert soll dieser Thread dazu dienen, die wenig bekannte Zooarchitektur vor 1860 abzubilden und zu kommentieren und damit eine die meisten Zoochroniken prägende Wissenslücke zu schließen. (19.10.2008, 14:55)
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