
| Michael Mettler: | @Rattus: Wenn ich z.B. an einen Berglemming denke, stellt dessen Färbung ein ganz gutes Übergangsmodell dar... Die beiden geschilderte Beispiele domestizierter Kaninchen und Ratten zeigen, dass eine Aalstrichzeichnung auch auf diese Weise entstehen kann. Wir kennen ja bei Haustieren diverse Mutationen, bei denen sich schwarzes und gelbes Pigment anders auf dem Körper verteilen als bei einer natürlichen Agouti-Musterung. Ich denke da z.B. an die Japanerzeichnung bei Kaninchen oder das "brindle" (Tigerung) bei z.B. Hunden, Rindern oder (selten) Pferden. Desweiteren hätte ich auch das Phänomen im Hinterkopf, dass schwarzes Pigment bei alterndem oder der Sonne bzw. Wärme stark ausgesetztem Haar "nachlässt" und ein rötlicher/bräunlicher Eindruck entsteht, und das besonders an den voluminösesten Körperpartien, die auch die meisten Innenwärme haben. Vielleicht ist z.B. die Färbung eines Pferdes mit "dun factor" = Falbe mit seinen dunklen Gliedmaßen, Aalstrich usw. ebenso wie bei einem Schwarzrückenducker ein dem Akromelanismus (Siam- bzw. Himalayafärbung) ähnlicher, wenn auch genetisch anders gelagerter Effekt. Eine Aufhellung von dunklen, teilweise schwärzlichen Jungtieren zu rötlichen oder gelblichen Adulten mit schwarzer Zeichnung, die womöglich die stammesgeschichtliche Farbentwicklung wiedergibt, finden wir z.B. bei Rotfuchs, Mähnenwolf oder Tüpfelhyäne. Gerade bei den Adulten letzterer wie auch bei der Afrikanischen Zibetkatze frage ich mich immer wieder, was eigentlich die Grundfarbe und was die Zeichnung ist. Und es gibt noch viele Tiere mehr, bei denen es sich lohnt, mal "negativ zu denken". (18.08.2010, 18:11) | ||
| Rattus: | Vielen Dank für die Antworten. Dass nicht der Aalstrich nicht die Musterung darstellen könnte, sondern die Flankenzeichnung ist mir noch nicht in den sinn gekommen! Wobei dann ja sehr viele Nagetiere schwarz gewesen sein mussten. Oder vielleicht auch gestreift...? (18.08.2010, 13:47) | ||
| Michael Mettler: | @Sacha: Falls du auf meine Eisbären-Theorie anspielst (erst die Farbe, dann der Lebensraum) - ja, da steckt ein vergleichbarer Gedankengang dahinter. Zu den von Rattus angeführten Duckern und Hirschen mit Aalstrich wäre noch zu bemerken, dass der dunkle Streifen und die Beinfärbung in diesen Fällen mit einer relativ kräftigen Rotfärbung des Körpers kontrastiert und es sich um jeweils vorwiegend waldbewohnende Arten handelt. Vielleicht entsteht durch die Mehrfarbigkeit tatsächlich ein tarnender, die Gestalt auflösender Effekt: Zumindest manche Raubtiere (z.B. Hundeartige) sollen Rot und Grün nicht richtig unterscheiden können, so dass der Körper für sie mit dem Hintergrund und dem Schattenfall verschmelzen würde. (Bei der Brandmaus als vorwiegend "von oben" bejagtem Bodenbewohner entsprechend der UNTERgrund.) Die schwarzen Beine solcher Huftiere imitieren vielleicht die Stämmchen des Unterholzes ;-) Schwarze Beine unter roten Körpern kommen allerdings auch in offenem Gelände vor, wobei auffallenderweise vor allem Bewohner von (überwiegend/ursprünglich) Feuchtsavannen zu ihren Trägern zählen: Sumpfhirsch, Mähnenwolf, Litschi, Kob, Leierantilope. Selbst das Przewalskipferd passt in diese Reihe - in der aktuellen Kölner Zoozeitschrift findet sich in einem Atikel über Dschiggetais die Aussage, dass es Hinweise (u.a. aus der natürlichen Futterwahl) darauf gebe, dass das Wildpferd ursprünglich an feuchte Grasländer angepasst war und somit die Halbwüste nur einen Not-(Über-)Lebensraum darstellen würde. Das wirft übrigens ein interessantes Licht darauf, warum einige europäische Primitiv-Pferderassen ausgerechnet in feuchten Lebensräumen zu finden sind (Exmoorpony, Dülmener, Camarguepferd, Sorraia...). (16.08.2010, 14:06) | ||
| Sacha: | Sehr interessant, Deine Theorie bezüglich der Südafrikanischen Oryxantilope. Kommt mir irgendwie bekannt vor....:) (16.08.2010, 10:54) | ||
| Michael Mettler: | Für mich zählen Haustiere durchaus, für sie gelten die gleichen Prinzipien wie für Wildtiere; schließlich kann der Mensch ihnen auch mit größtem Willen nichts "anzüchten", was ihm die Natur nicht als Mutation vorher "anbietet". Aber allein das Foto auf der verlinkten Seite zeigt doch schon, dass die Langhaarigkeit bei der Toggenburger Ziege nicht auf den Hinterkörper beschränkt ist. "Bis zu den Schultern" war vielleicht etwas missverständlich ausgedrückt, denn in die Vorderkörperbehaarung bezog ich die Schultern und Vorderbeine noch ein (siehe Bison). Toggenburger und auch andere Hausziegen scheinen in der Langhaarbildung sehr zu variieren; ich habe tatsächlich schon Exemplare gesehen, die nur "Hosen" aus langen Haaren hatten, aber auch solche, bei denen es Entsprechungen an den Vordergliedmaßen gab oder der gesamte Körper langhaarig war. Da scheint mir eher enge züchterische Selektion eine Rolle zu spielen. Aber da wir schon bei Haustieren sind: Aalstriche können auch durch Vorhandensein eines Scheckungsgens entstehen (als Bestandteil einer Gesamtzeichnung). Da greift die Ex-Mähnen-Argumentation natürlich nicht, wenn die Wildform überhaupt keinen Aalstrich hat. Beispiele wären die Rückenstreifen bei Haubenratten oder bestimmten Kaninchenrassen mit dominanter Scheckung (Riesen-, Klein-, Englische Schecke usw.). Bei manchen Tierarten werde ich den Verdacht nicht los, dass nicht der Aalstrich die Musterung darstellt, sondern das hellere Flankenfell, so dass der Rückenstreifen vielleicht nur der Rest einer ursprünglich kompletten Färbung in seiner Farbe darstellt. Denn gerade Huftiere mit Aalstrich haben sehr oft auch entsprechend dunkel abgesetzte Beine. Ich denke, wir neigen einfach zu automatisch dazu, die Entstehungsweise einer Fellzeichnung in der Reihenfolge anzunehmen, in der man ein Tier malt: Erst der Untergrund (die flächenmäßig vorherrschende Farbe), dann das Fellmuster. Wenn man mal "negativ denkt", kann man z.B. in einer Südafrikanischen Oryx auch ein ursprünglich im erwachsenen Alter schwarzes Tier mit weißen Abzeichen an Gesicht und Beinen sehen (wie Rappenantilope, Nilgau, Anoa), dem es durch die Ausbildung hellgrauer Flanken und Halsseiten als reflektierender statt absorbierender Flächen möglich wurde, extrem sonnendurchglühte Lebensräume zu besiedeln. Da die Schabrackenbildung unvollständig ist, blieb dabei u.a. auch ein Aalstrich übrig. Diese Entwicklung könnte mit zunehmender Anpassung an die Halbwüste und schließlich Wüste zu immer weiterer Reduktion der Schwarzanteile und damit auch zum Verschwinden des Aalstriches geführt haben: Von Süden nach Norden werden die Zeichnungen der Oryx-Verwandten geringer und die reflektierenden Fellbereiche immer heller (Südafrik. Oryx > Beisa/Büschelohrspießbock > Arabische Oryx). Ähnlich könnte ich mir die Entwicklung auch bei Kleinnagern vorstellen, bei denen die Mähnentheorie nicht so recht passen will. (15.08.2010, 09:36) | ||
| Anti-Erdmännchen: | "Mir fallen zwar diverse Tierarten ein, die einen lang behaarten Vorder- und kurz behaarten Hinterkörper haben (Mähnenschaf, Bison, Mähnenrobbe, Mantelpavian), aber spontan keine, die bis zu den Schultern kurzhaarig und ab dort langhaarig ist (weiß jemand eine?)" Haustiere zählen natürlich nicht, aber immerhin wäre mir nicht bekannt, daß die Frisur der Toggenburger Ziege ein Zuchtziel war: http://www.ziegenland.com/images/ziegen/Toggen.jpg (14.08.2010, 23:38) | ||
| Michael Mettler: | Mir fällt noch ein: Bei Vögeln heißt es, dass dunkel pigmentierte Federn robuster sind als helle, was der Grund dafür sein soll, dass selbst fast weiße Vögel nicht selten schwarze Schwungfedern (die am stärksten belasteten Teile des Gefieders!) haben, wie z.B. Schneegänse und Weißstörche. (Allerdings muss mir dann mal jemand erklären, warum sich der Trauerschwan genau das Umgekehrte "leisten" kann.) Auch Mähnenhaar sollte doch besonders widerstandsfähig sein, damit es nicht durch mechanische Beanspruchung (Z.B. Wälzen bei Einhufern) seiner Funktion beraubt wird. Vielleicht sind deshalb Mähnenkämme häufig besonders intensiv pigmentiert - und ihre Rudimente in Form von Aalstrichen dann eben auch (noch). (14.08.2010, 23:10) | ||
| Michael Mettler: | Es gibt nicht nur dunkle, sondern auch helle Aalstriche: Ich denke da z.B. an den Auerochsen oder das Pinselohrschwein. Manche Aalstriche fallen weniger als solche auf, weil der Rest des Körpers gemustert ist, z.B. bei Zebras oder Zibetkatzen. Auf Säuger beschränkt sind sie auch nicht, siehe die Rückenpanzer mancher Schildkröten oder die Rückenstreifen von Schwanzlurchen. Und ich möchte bezweifeln, dass ein Längsstreifen auf dem Rücken bei allen Tierarten die gleiche Funktion hat (falls er bei manchen ÜBERHAUPT eine spezielle Funktion hat und nicht nur ein Rudiment darstellt). Bestimmte Körperpartien "neigen" eher zu Sonderbildungen als andere. Minimaler partieller Pigmentverlust findet sich z.B. bei Säugetieren am ehesten an Stirn, Nasenrücken, Lippen, Brust, Vorderpfoten und/oder Schwanzspitze. Partielle Langhaarigkeit findet sich ebenfalls an "typischen" Stellen: Stirnschopf, Nackenmähne, Rückenmähne, Brustmähne, Bauchmähne, Schwanzquaste - einzeln oder in mancherlei Kombination. Mir fallen zwar diverse Tierarten ein, die einen lang behaarten Vorder- und kurz behaarten Hinterkörper haben (Mähnenschaf, Bison, Mähnenrobbe, Mantelpavian), aber spontan keine, die bis zu den Schultern kurzhaarig und ab dort langhaarig ist (weiß jemand eine?). Der "Rückenfirst" zählt zweifellos zu den Körperbereichen, die zu Sonderbildungen neigen: Schuppenkämme bei Reptilien, Hautkämme bei Molchen, Rückenflossen bei Fischen und Walen, Mähnenkämme bei diversen Huftieren und Raubtieren - und eben auch abweichend pigmentierte Aalstriche. Die Kombination von Aalstrich und z.B. Mähnenbildung gibt es ja auch, so bei Einhufern - denn der Aalstrich eines Kulans, Pferdes oder Steppenzebras setzt sich ja in der Mähnenmitte fort, und ganz junge Zebrafohlen z.B. tragen noch eine Rückenmähne, die Nackenmähne und Schwanzquaste verbindet und gemäß der Theorie, dass die Einzelentwicklung eines Tieres seine Stammesgeschichte wiederholt, vielleicht die Behaarung prähistorischer Unpaarhufer wiederspiegelt. Vielleicht stellen die Aalstriche bei vielen Tierarten tatsächlich nur bedeutungslos gewordene (aber eben auch nicht nachteilige) Rudimente früherer Mähnen und Kämme dar, die durch vom Restkörper abweichende Färbung Signalwirkung auf Artgenossen (Imponierverhalten) oder Fressfeinde (Schutzfunktion durch Vergrößerung der Körperkontur) hatten. (14.08.2010, 23:00) | ||
| Anti-Erdmännchen: | Gute Frage! Merkwürdig, daß ich sie mir selbst noch nicht gestellt hatte ... Du wirst die Seite beim Googeln schon gefunden haben, aber für die anderen sind die hier aufgeworfenen Theorien vielleicht interessant: http://www.wer-weiss-was.de/theme51/article1574846.html. Alles in allem steht die Wissenschaft jedoch vor einem Rätsel. Nächste Frage: Warum werfen Hirsche ein vollkommen funktionsfähiges Geweih ab und bilden es unter großem Energieeinsatz neu? (14.08.2010, 21:33) | ||
| Rattus: | Hallo Wer kann mir erklären, welche Funktion ein dunkler Dorsalstreifen hat? Er kommt bei So vielen Tierarten vor. Pferde, Hirsche, Ducker, Mäuse, Zwerghamster, Kängurus, Ziegen etc. Aber wozu? (13.08.2010, 11:28) |
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