
| Michael Mettler: | Ich müsste mir die entsprechenden Passagen in Grzimeks Lebenserinnerungen "Auf den Mensch gekommen" heraussuchen, aber m.W. schildert er darin, dass man ihm im Zuge der Intrigen der Nachkriegszeit vorwarf, Zoodirektor geworden zu sein, ohne sich vorher als Assistent seine Sporen verdient zu haben, und dass eine solche Zwischenstation seinerzeit praktisch nur im Berliner Zoo möglich gewesen sei. Das könnte man so herum drehen, dass der Berliner Zoo damals gewissermaßen ein Monopol für Direktorats-Nachrücker innehatte (oder sogar anstrebte?). Die Zoo-Dynastie Heck reichte übrigens weiter als bis zu den Brüdern Lutz und Heinz: Lutz Heck jr., also eine weitere Generation, war kurzzeitig Zoodirektor in Osnabrück und 1969 direkter Nachfolger von Heinz Heck als Hellabrunner Zoochef (bis 1972) - und Mitglied im Verband Deutscher Zoodirektoren. (19.05.2008, 13:03) | ||
| IP66: | Für Duisburg kann ich ergänzen, daß auch Gewalt durch seine Assistenz im Zoo Berlin sicher viel von Heck'schen Plänen und Geschichten gehört hat. Leider kenne ich die münchner Zoogeschichte zu wenig, um die Entwicklung des Zoos diesbezüglich bewerten zu können. (19.05.2008, 11:07) | ||
| Michael Mettler: | Es wäre interessant zu wissen, wie es um die Kontakte von Heinz Heck zu seinen Branchenkollegen in der Zeit zwischen Amtsniederlegung und Weggang aus München bestellt war (m.W. übernahm er doch danach noch die Catskill Game Farm in den USA?). Wie schon mal andernorts erwähnt gab es zumindest eine enge Verbindung nach Duisburg, dessen Zoo in der Nachkriegszeit reichlich Tiere aus München bekam; dieser gute Kontakt zeigt sich ja auch darin, dass sich der damalige Duisburger Direktor Thienemann dem von Heck alternativ ins Leben gerufenen "Verband deutscher Wildtierhalter" anschloss. Klös erwähnte, dass er als junger Zoodirektor beim Ankauf von Tieren mehrfach den Rat des erfahrenen Züchters Heinz Heck suchte und bekam - der übrigens keinen akademischen Titel trug, was vielleicht den einen oder anderen Branchenkollegen gestört haben könnte. Am Rande sei erwähnt, dass München erst nach Hecks Abgang begann, Jahresberichte zu veröffentlichen (manche Zoos starteten allerdings noch später damit) und auch an den Datensammlungen des International Zoo Yearbook seinerzeit in vielen Jahren nicht mitwirkte. Damit stellt sich die Frage, wie es eigentlich in der Heck-Ära um die wissenschaftliche Arbeit Hellabrunns bestellt war - Heck war m.W. eher als Praktiker mit unübertrefflichem züchterischem "Auge" bekannt, genoss allerdings in dieser Beziehung auch einen sehr guten Ruf. (18.05.2008, 15:24) | ||
| IP66: | Ich stelle mir die Frage, ob Hellabrunn wirklich zeit der Heck'schen Direktion die Mitarbeit im Verband völlig ablehnte - ich könnte mir auch vorstellen, daß sich nach einiger Zeit die Fronten auflösten. Herr Klös hat auch jenseits des persönlichen Bekenntnisses, den Heck'schen Artenzoo wiedererstehen lassen zu wollen, die Verdienste der Familie im berliner Zoo nie in Frage gestellt, während ich in München den Eindruck habe, daß das große Neubauprogramm der 60er und 70er Jahre doch der Prämisse gehorchte, den alten Zoo zumindest neu zu interpretieren, auch wenn entscheidende Anlagen und Bauten nach wie vor erhalten sind. Ich finde es auch sehr auffällig, daß trotz der Schlüsselstellung, die der nürnberger Zoo in der Zeit des Faschismus innehatte, kaum Publikationen über diese Zeit vorliegen. Die Rückzüchtungsideen an sich scheinen mir eher in den Sog einer Germanisierungswelle der Tierwelt geraten zu sein, wie sie die Nationalsozialisten propagierten. Auch hier fällt, ähnlich wie im Kontext der "deutschen Zoos!, allerdings auf, daß es entsprechende Bemühungen zum Teil schon im Kaiserreich gab - auch Wilhelm II. sah sich als Jäger, und schon Herr Heck senior sammelte Hirsche aller Farben und Formen. Es paßt allerdings zu Allmachtsphantasien des Totalitarismus, daß man sich angesichts der herbeigekreuten Ure und Tarpane in der Lage wähnte, ausgestorbene Tierarten wiederherbeischaffen zu können - wobei ich mich Frage, ob Versuchen, Wildpopulationen in Gefangenschaft in naturgleicher genetischer Verteilung etablieren zu können, nicht eine ähnliche Tendenz innewohnt. (18.05.2008, 14:24) | ||
| Michael Mettler: | P.S. Rückzüchtungen gab und gibt es auch bei Haustierrassen, so wurden z.B. der Irische Wolfshund und der Hovawart durch gezielte Verkreuzung von Hunden mit erwünschten Eigenschaften "rekonstruiert", und da wäre ja auch noch die Rückzüchtung des Deutschen (!) Weideschweins zu nennen. Der Grundgedanke ist dabei der gleiche wie bei der Ur-Rückzüchtung, nur dass man nicht versuchte, die Haustierkreuzungen als Wildtiere darzustellen. (17.05.2008, 11:42) | ||
| Michael Mettler: | Ein Verbot war es ja gar nicht, sondern laut Artikel nur ein Beschluss, die Heck-Schöpfungen "nicht zu begünstigen". Also ähnlich gelagert wie heute, wo sich die Zoos untereinander zwar nicht die Haltung z.B. unterartfraglicher schwarzer Panther per Beschluss verbieten, aber sie eben nicht mehr "begünstigen". Rückzüchtungsprogramme, die der Heckschen Wisent- x Bison-"Verdrängungszucht" entsprechen, hat es auch noch in der Nachkriegszeit gegeben bzw. gibt es eigentlich noch bis in die Gegenwart: Ich denke da an den Kaiserfasan (Lophura imperialis), dessen wenige Exemplare zur "Arterhaltung" mit einer nahe verwandten Art verkreuzt wurden und von dem ich noch in den 80ern "Verdängungszuchttiere" in Rotterdam gesehen habe. Ähnliches wurde m.W. auch mit einer australischen Sittichart gemacht. Auf Unterartniveau scheint mir die Amurleopardenzucht auch etwas Ähnliches darzustellen - nur alles eben ohne nationalistische Ideologie im Hintergrund. Interessant übrigens, dass zu den Gefolgsleuten Heinz Hecks bei dessen Gründung eines eigenen Verbandes auch Thienemann gehörte, denn wie in München überdauerten auch in Duisburg die Heck-Rinder und -Pferde weitere Jahrzehnte bzw. in München bis heute. Thienemann (wie auch Zukowsky als eines der weiteren Mitglieder des zweiten Verbandes) wurden allerdings im Gegensatz zu Heck nur wenige Jahre nach der Neugründung des Verbandes Deutscher Zoodirektoren dort (wieder) Mitglieder. (17.05.2008, 11:36) | ||
| IP66: | Der Artikel zeigt, wie eine wissenschaftliche Elite in einer Mischung aus Sehnsucht nach dem Kaisserreich, Republikfeinschaft und Karrierebewußtsein immer stärker mit den Nationalsozialisten kooperierte und auch die Radikalisierung des Regimes im Krieg mitvollzog. Ich finde den Artikel allerdings insofern tendenziös, als in den 50er Jahren nun wirklich kein Zoodirektor an Erhaltungszucht dachte und einer der Heck-Brüder ja sehr erfolgreich und unbehelligt im neuen Lebensmittelpunkt der Familie den maßgeblichen Zoo leitete. Ich würde auch nicht so weit gehen, in jedem Rückzüchter einen potentiellen Nationalsozialisten zu sehen - immerhin hat man doch auch bei der Urwildpferdzucht nicht dem Phänotyp entsprechende Tiere selektiert, und das durchaus nicht nur in München. Auch das Rückzüchtunghaltungsverbot wurde von vielen Zoos unterlaufen, so wichtig scheint es nicht gewesen zu sein. (17.05.2008, 10:33) | ||
| Andreas: | Danke. Solcherlei Vorgehensweisen sind symthomatisch in Wissenschaftskreisen nach politischen Systemwechseln, nach dem Motto "Haltet den Dieb", um von der eigenen Mitverantwortung abzulenken. Auf der Strecke bleibt die Weiterentwicklung. (17.05.2008, 10:33) | ||
| Michael Mettler: | Die Ächtung der Heck-Rückzüchtungen in der Nachkriegszeit verlief allerdings nach meinem Geschmack eher nach dem Motto "mitgefangen - mitgehangen", da sollten wohl vor allem die lebenden Denkmale der Brüder entweiht werden. Denn losgelöst von der NS-Philosophie handelt es sich nach wie vor um einen interessanten züchterischen Versuch, der m.E. das Pech hatte, zur "falschen" Zeit stattzufinden. Hätte ein Bodinus oder Klös (um auf Berliner Boden zu bleiben) die gleiche Idee gehabt, wäre der Versuch zwar vielleicht von diversen Branchenkollegen belächelt worden, hätte sich aber wohl kaum zum Politikum entwickelt. Sieht man auch daran, dass die Zucht des Auerochsen-Modells vor einigen Jahren durch den Kölner Zoo in seinem Hortobagy-Puszta-Projekt neu belebt wurde und man durch neue Einkreuzungen genau nach der züchterischen (nicht der ideologischen) Grundidee der Hecks versucht, die vorhandenen Heckrinder in Körpergröße, Hörnergröße usw. noch mehr dem ausgerotteten "Urbild" anzunähern. Darüber regt sich heute (mit Recht) niemand mehr auf. Der feine Unterschied besteht eben darin, dass man die Tiere nicht mehr als wiederauferstandene Auerochsen symbolisch für die Allmacht eines Volksstammes propagiert, sondern eben nur als Modelle eines nicht mehr verfügbaren Wildtieres. Und DAS wäre theoretisch auch in der Nachkriegszeit möglich gewesen. Genausogut hätte man damals per Verbandsbeschluss auch alle anderen von der NS-Philosophie verherrlichten "deutschen" Tierarten vom Auerhuhn bis zum Wisent ächten können - nur waren die eben keine Produkte der Hecks und galten damit anders als Pseudo-Tarpan und Pseudo-Auerochse als "unschuldig". (17.05.2008, 09:44) | ||
| Andreas: | Starker Tobak! Bisher glaubte ich, daß die Gebrüder Heck auf der Welle "zurück zum Germanentum", wie manch Archäologe mitgeschwommen sind, um IHRE wissenschaftlichen Ziele zu erreichen. Erschreckend ist,daß sie diese Wahn noch gefördert und neue Nahrung gegeben haben. Der Wildpark Schorfheide existiert noch/wieder. (17.05.2008, 08:02) | ||
| Michael Mettler: | Laut einem SPIEGEL-Artikel von 1954 wurden Lutz und Heinz Heck sogar aus dem Verband Deutscher Zoodirektoren ausgeschlossen: http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/dokument.html?id=28956824&top=SPIEGEL Der Berliner BONGO-Sonderband "100 Jahre Verband Deutscher Zoodirektoren" (BONGO 13) schweigt sich zu diesem Punkt in der Verbandsgeschichte aus. Das Ende von Lutz Hecks Direktorentätigkeit findet ebenfalls keine Erwähnung (man ist geneigt zu sagen: wie üblich in Veröffentlichungen des Zoos), während über Heinz Heck immerhin noch zu lesen ist, dass er 1946 einen Aufruf zur Weiterführung bzw. Wiederbelebung des Verbandes an seine Kollegen richtete und es auf seine Einladung hin 1947 zu einem Treffen in Wuppertal kam (sowie - offensichtlich ebenfalls unter seiner Federführung - 1948 in Bremerhaven und 1949 in Nürnberg). Zitat: "1950 fiel das Treffen aus. Es kam lediglich - nachdem Heinz Heck sein Amt als Vorsitzender niedergelegt hatte und zusammen mit Steinbacher einen 'Verband der Wildtierhalter' gegründet hatte, dem sich später Junker, Thienemann und Zukowsky anschlossen - auf Einladung von R. Müller zu einer Besprechung in Wuppertal." Die (offensichtlich nicht gerade freiwillige) Amtsniederlegung dürfte in Zusammenhang mit Heinz Hecks Intrige gegen Grzimek gestanden haben, wenn ich Grzimeks Schilderung richtig im Gedächtnis habe. Im dann 1951 neu bzw. wieder gegründeten Verband Deutscher Zoodirektoren war Heinz Heck (der noch bis 1969 Hellabrunn leitete) nie wieder Mitglied. Und bezeichnenderweise fiel der Verbandsentscheid gegen die Rückzüchtungen im Jahr der Neugründung des Verbandes, also kurz nach dem Rückzug Hecks. (16.05.2008, 21:35) | ||
| Michael Mettler: | Praktischerweise liefert der Artikel auch gleich die Erklärung dafür, warum sich die Heck-Rückzüchtungen in der Nachkriegszeit nicht mehr sonderlich ausbreiteten: Durch Beschlüsse der Verbände Deutscher und Internationaler Zoodirektoren. Das würde ich angesichts spärlicher anderer, um den Gehegeraum konkurrierender Erhaltungszuchtprogramme und des gerade wieder zur Hochblüte kommenden Großtierhandels, aus dem sich die selben Direktoren kräftig bedienten (bzw. mangels anderer Möglichkeiten zur Auffüllung der Bestände bedienen MUSSTEN), eher als Distanzierung der Verbände von der NS-Philosophie interpretieren. Für mich neu, da ich mich bisher nicht mit dem Thema befasst habe, waren auch die "Zooplünderungen" in Polen sowie in Askania Nova und Kiew. Letzteres lässt die Tatsache, dass 1947 zwei Leipziger Nachzucht-Flusspferde nach Kiew abgegeben wurden, möglicherweise in einem interessanten Licht erscheinen. (Im selben Jahr wurden z.B. auch zwei Hippos aus Hannover nach London "beordert"...) (16.05.2008, 19:40) | ||
| th.oma.s: | danke für den interessanten link,schon interessant die damaligen aufassungen, insbesondere wenn man in dem zusammenhang auch an Prof. Dr. Dathe und Prof. Schneider denkt... (16.05.2008, 18:07) | ||
| Michael Mettler: | Da Lutz Heck seinerzeit ein Buch über den "deutschen Edelhirsch" geschrieben hatte, habe ich danach gegoogelt - in der Hoffnung, in diesem Zusammenhang vielleicht auch etwas über weiße Hirsche der damaligen Zeit zu finden. Der Artikel, über den ich dabei stolperte, ist aber für den vorliegenden Thread noch viel interessanter: http://www.diegeschichteberlins.de/geschichteberlins/persoenlichkeiten/persoenlichkeitenhn/heck.html (15.05.2008, 21:44) | ||
| IP66: | Interessant ist der mir erst gestern untergekommene Hinweis darauf, daß der wuppertal in der unmittelbaren Nachkriegszeit Wisente hielt. Ich weiß allerdings nicht, ob es sich dabei um einen Restbestand einer Haltung handelte, die Zusammen mit den Auerochsenrückzüchtungen begonnen wurde und die Kriegszeit überdauerte. Desgleichen ist unklar, wo die Tiere untergebracht waren und ob sie die seit der Anfangsphase des Zoos auf dem Gelände des heutigen Freiflugraums untergebrachten Wisente ersetzten. (24.03.2008, 11:01) | ||
| IP66: | Die Waldnutzung als Bereich für einheimische Tiere erscheint mir einleuchtend, zumal es sich bei dem von Ihnen angesprochenen Gelände in Duisburg um ein solches handelt, daß kaum durch Leitungen für Strom oder Wasser erschlossen war und sich deshalb für aufwendige Haltungen vermutlich ohnedies nicht eignete. Ob freilich die Grabenfrage eine so wichtige war, möchte ich nicht entscheiden. In Köln hat man trotz der Uferweiden, die auf den ersten Blick das Konzept prägten, jenseits der Lama-Anlage alle direkten Begrenzungen zu den Besuchern durch Gitter gestaltet und die wenigen Freianlagen dort eingerichtet, wo die architektonische Prägung am stärksten war - am Elefantenhaus und im Eingangsbereich. Ich glaube, daß manches dieser Wald- und wohl auch das kölner Erweiterungsgelände architektonische Grauzonen vorstellten, auf die man weniger Entwurfsgedanken verschwendete. Die großen Robbenanlagen oder Giraffenhäuser durchzugestalten, auch manch' skulptural aufzufassende Voliere zu erdenken, das waren Aufgaben, die gerade in Hannover reizten, wo Herr Dittrich mit seinen Grabenexperimenten auf Architekten stieß, die Tierausstellung neu und zeitgemäß gestalten wollten; dagegen bereitete es kaum Freude, ein Hirschgehege mit einer kleinen Hütte in einen Wald zu integrieren. Auf der anderen Seite habe ich den Eindruck, daß es solche Waldgelände mit einhemischen Bewohnern in den Großzoos der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht gab, obgleich sicher auch da Restgelände zur Verfügung standen, und man könnte, um zum Thema des Threads zurückzukehren, durchaus vermuten, daß die Aufwertung einheimischer jagbarer Arten durch den Nationalsozialismus dazu begetragen hat, auf dergleichen Angebotserweiterungsmöglichkeiten der Zoos hinzuweisen. (04.03.2008, 18:28) | ||
| Michael Mettler: | @IP66: Den Hinweis auf Köln finde ich wichtig, denn dadurch offenbart sich ein möglicher Grund, warum dort NICHT so verfahren wurde: Es war offenes Gelände. Möglicherweise ist so mancher Heimattierbereich in unseren Zoos nicht nur aus didaktischen oder gar politischen Gründen entstanden, sondern weil man waldige Bereiche im Gelände hatte, deren Nutzung für wärmebedürftige Tiere - vor allem für Großsäuger - umfangreiche Abholzungen mit sich gebracht und damit den Charakter des Geländes stark verändert hätten. Heimische Wildtiere, deren für Zoos wichtigste Arten größtenteils gleichzeitig WALDtiere sind, lassen sich hingegen besser "einbauen"; weder das Tier noch der Besucher verlangt nach aufwändigen Bauten, da tut es dann eben auch die Blockhütte. Selbst Zäune mag der Besucher im "Wald" vielleicht eher akzeptieren als an einer "Steppe", wo sie viel mehr ins Auge fallen. Und dass man dann eher europäische Tiere zeigt(e) als solche aus der asiatischen oder amerikanischen Taiga, mag der Didaktik geschuldet sein; selbst Fremdlinge dien(t)en ja hie und da nur als Modelle für nicht beschaffbare heimische Tiere (z.B. Kanadische Otter oder Sibirische Luchse statt der europäischen Formen, oft dementsprechend "neutral" beschildert). In Hannover spielte das mit größter Wahrscheinlichkeit die Hauptrolle. Der betreffende Zooteil ist noch heute der waldigste, auch wenn die Verdichtung des Bodens in den Huftiergehegen einige Bäume hat absterben lassen. Ausgerechnet im Zoo der damals unkonventionellen symbolischen Grabenbegrenzungen richtete man ganz normale zaunbegrenzte Ausläufe und Käfige ein - schon das Anlegen von Trockengräben hätte bei einigen Gehegen zu erheblichen Wurzelschädigungen des alten Baumbestandes geführt. Und: Die fremdländische Tierwelt hatte bereits in den offeneren Bereichen des Zoos ihren Platz, denn dort zog man nun auch noch die bisher dort untergebrachten "kalten" Arten (z.B. die Hirsche) ins Erweiterungsgelände ab und schuf dadurch Erweiterungsmöglichkeiten für die "warmen" Arten. Ähnlich praktische Überlegungen kann ich mir auch für andere Zoos mit "Heimatbereichen" vorstellen. So z.B. auch für Duisburg: In einem Zooplan von Mitte der 30er Jahre, den ich in einem der Jubiläumshefte fand, ist nahezu der gesamte hintere Bereich des damaligen Geländes (also vor den heutigen Robbenanlagen usw.) mit europäischen Arten besetzt. Und dabei erhebt sich eben die Frage, ob das als "deutscher Zoo" aus politischen Gründen gedacht war oder einfach nur eine praktisch-tiergärtnerische und zudem kostengünstige Lösung für das vorhandene Gelände darstellte. (04.03.2008, 12:01) | ||
| IP66: | Den Hinweis auf die Neigung artenorientierter Zooleitungen, sich den Rückzüchtungen zu verschließen, finde ich sehr interessant, auch wenn es schewr sein wird, eine solche Entscheidung, gerade in einem totalitären Staat, aus den Akten zu belegen. Eine Tendenz zum jagbaren Großwild scheint mir die nürnberger Konzeption aber dennoch zu belegen, neben der Gehegegestaltung und einigen Stilmerkmalen würde ich sogar behaupten, daß dies den nürnberger Tiergarten bis heute entscheidend prägt. Leider ist mir nicht bekannt, wann man in welchem Zoo mit der Wisenthaltung begann - die Tiere waren wohl im 19. Jahrhundert beliebte Staatsgeschenke und man hat ihnen in Berlin einen eigenen Stilbau errichtet, aber wie es dann weiterging und ob sie in Nürnberg oder München zum Altbestand der "deutschen" Zoos zählten, weiß ich nicht. Bei Dathes friedrichsfelder Planung, die mehr und mehr in engem Zusammenhang mit Nürnberg sehe, spielten Wisente dann wieder eine prägende Rolle. Die Heimatabteilungen in Nachkriegszoos sind ein ebenso faszinierendes Phänomen, vor allem bei sehr weitgehenden Neubauten: Hannover wurde von Herrn Mettler geschildert, Münster stellt einen weiteren Fall vor: Hier wurde der architektonisch durchgeplante Artenzoo durch einen weiteren Rundweg jenseits der Allwettergänge ergänzt, der mit Urwildpferden, Wisenden, Hirschen, Steinböcken, Gemsen und Wölfen eigentlich auch als deutscher Zoo faschistischer Prägung hätte durchgehen können. Allerdings kann man diese Tendenz nicht überall finden, in Köln wurden die Uferweiden um den großen Weiher fast ausschließlich mit nichtheimischen Arten besetzt, und in Wuppertal verschwanden die letzten Bestandteile des auf heimische Arten bezogenen Komplex in den 60er und 70er Jahren. Schade, daß sich in den so reichen Quellensammlungen der Forumsteilnehmer keine Hinweise auf Wildparksgründungen der 30er Jahre und deren Konzept finden! (04.03.2008, 10:51) | ||
| Michael Mettler: | Bemerkenswert finde ich die unterschiedlichen Ansätze in Berlin und München. Während Lutz Heck in Berlin drei Rassen einsetzte, die äußerlich wenigstens an den Auerochsen erinnern, zerlegte Heinz Heck anscheinend das Ur-Bild in einzelne Körpermerkmale, nach denen er sich seine "Zutaten" aussuchte. Z.B. kann ich mir die Einkreuzung der Schwarzbunten - eigentlich im Phänotyp ja fast der "Gegenentwurf" zum Auerochsen - nur dadurch erklären, dass er sie wegen ihrer schwarzen Farbe brauchte. Dass nur die Münchener Linie den Krieg überlebte, machte sich dann auch in den Nachfahren bemerkbar: In einem alten Parkführer aus Sababurg findet sich ein Foto mit einem "herausgemendelten" schwarzbunten "Auerochsen".... Das bringt mich auf ein Kuriosum: In "Tiere - mein Abenteuer" von 1954, wo das Rückzüchtungskapitel aus naheliegenden Gründen frei von Politika ist, erwähnt Lutz Heck die naturgetreue Darstellung einer Auerochsenhatz aus Meißner Porzellan, die er besessen habe. "Selbst die Bemalung der alten Gruppe (gemeint sind ein Urstier und zwei Jagdhunde) entspricht den alten Überlieferungen, so dass sie durchaus den Wert einer künstlerischen Urkunde hat." Genau diese Porzellangruppe hatte er aber 13 Jahre zuvor in "Auf Tiersuche in weiter Welt" als Foto zur Illustration des dortigen Rückzüchtungskapitels verwendet. Und ihr Urstier ist gefleckt wie ein Milchvieh! (03.03.2008, 21:36) | ||
| Karsten Vick: | Als die Hecks mit den Rückzüchtungsversuchen anfingen, ernteten sie bekanntlich nicht nur Anerkennung, sondern vielmehr Hohn und Spott und Unglauben. Das war in den 20er Jahren. Als sie dann doch recht schnell einige phänotypisch überzeugende Tiere vorzeigen konnten und zudem über die eben beschriebene "Urwild"-Manie auch den Segen der neuen Machthaber bekamen, brauchten einige der früheren Kritiker unter den Zoodirektoren vielleicht etwas länger, ihre Meinung zu ändern. Auch ist zu bedenken, dass zu Anfang nicht so viele gute Tiere für eine Reinzucht zur Verfügung standen, die Rasse war noch nicht gefestigt. Im alten URANIA-Tierreich, das wir ja neulich erst bei den DDR-Tierbeständen in der Hand hatten, sind auch Auerochsen vom Berliner Typ (kurze nach vorn gerichtete Kampfstier-Hörner) in freier Wildbahn, also wohl in der Schorfheide, abgebildet. Schöne Hintergrund-Infos im Vorwort des ersten Ur-Zuchtbuchs von Dathe und Heinz Heck persönlich, online bei www.auerochsen.de (03.03.2008, 21:07) | ||
| Michael Mettler: | Da möchte ich in Bezug auf München korrigieren, denn Hellabrunn war auch damals nun gerade KEIN klassischer Artenzoo, sondern ein Geozoo - in diesem Konzept verwundert ein "deutscher Zoo" doch am allerwenigsten. Wie überhaupt Zoobereiche mit überwiegend bis ausschließlich heimischen bzw. wenigstens europäischen Arten nicht nur Produkte der NS-Zeit waren, denn auch in der Nachkriegszeit gab es noch Neugestaltungen und Planungen dieser Art, nur dass man den Begriff "deutsche Tierwelt" vermied. Wenn man wollte, könnte man sogar noch den erst in den 60er Jahren erschlossenen waldigen Teil des hannoverschen Zoos einen nach früherer Definition "deutschen Zoo" nennen: Rothirsch, Rentier, Elch, Damhirsch, Wolf, Luchs, Fuchs, Wildkatze, Dachs, Eulen und Waldvögel waren der geplante und größtenteils umgesetzte Besatz dieses Bereiches, der sich heute zwischen Dschungelpalast und Meyers Hof befindet, dazu fremdländische Hirsche aus gemäßigten Breiten - aber solche werden ja auch in Wildparks gern den heimischen Sortimenten beigefügt (und wurden m.W. auch in München nicht unbedingt konsequent geografisch untergebracht). Dass sich entgegen der Planung auch Exoten einschlichen, hing auch mit mangelnder Beschaffbarkeit der eigentlich gesuchten europäischen Arten zusammen (z.B. Binturongs, bis man endlich Dachse bekommen konnte). Vielleicht müsste man den "deutschen Zoo" der NS-Zeit doch etwas mehr am Großwild (in weiteren Sinne) festmachen. So verweist Lutz Heck in seinem Buch wohl nicht nur zufällig auf einen Vers des Nibelungenliedes, in dem mit Wisent, Ur, Elch und Wildpferd gleich vier Großhuftiere genannt werden, denen sein spezielles Interesse galt - neben dem "deutschen Edelhirsch" als fünfter Art, über den er sogar ein ganzes Buch geschrieben hat. Neben diesen sind es auch in anderen Verwandtschaftsgruppen die jeweils größten und spektakulärsten Arten, die er dem "deutschen Urwild" zurechnet; da ist nicht von Fuchs, Wildkatze, Eichhörnchen oder Rebhuhn die Rede (die ja genauso "urdeutsch" sind), wohl aber von Wolf, Luchs, Biber und Auerhahn. Über die Gemse verliert er in Zusammenhang mit "Urwild" kein Wort, den Steinbock hingegen preist er in hohen Tönen. Will heißen: "Deutsches Urwild" wurde wohl vor allem gleich gesetzt mit jenen Arten, die im Lande (selbst bei damaligem Grenzverlauf) weitgehend ausgerottet waren und solchen, die im Waidwerk das höchste Ansehen genossen. Somit musste ein "deutscher Zoo" wohl auch wesentlich mehr bieten als das immerhin ebenfalls "deutsche" Sortiment aus Fuchs, Reh, Wildschwein und Steinmarder, das es in so ziemlich jedem Tiergarten damaliger Zeit zu sehen gab. Womit immer noch unklar bliebe, warum Nürnberg so wenig in diese Richtung ging. Selbst wenn der Tiergarten unter tatkräftiger Mitwirkung von Hermann Ruhe geplant und bestückt wurde, dürfte der Einfluss des Händlers nun doch nicht so hoch gewesen sein, dass er seine fremdländische "Ware" gegen mögliche Anordnungen von "ganz oben", die Gehege mit "deutschem Urwild" aus Wildgattern und Berlin-Münchener Zucht zu besetzen, hätte durchsetzen können... (03.03.2008, 18:45) | ||
| IP66: | Mühlings vorbildliche Chronik endet ja mit der Schließung des alten Parks, und über die Geschichte des neuen wissen wir noch immer viel zu wenig. Merkwürdig ist es dennoch, daß in München und Berlin klassische Artenzoos um einen geographisch definierten "deutschen" Bereich ergänzt wurden und selbst der kleine Kreusch-Zoo in Wuppertal, der gerade das gesamte Programm realisiert hatte, um einen solchen Bereich ergänzt werden sollte, während man in Nürnberg zwar Wisente und diverse Hirscharten, doch keine Rückzüchtungen einplante. (03.03.2008, 10:40) | ||
| Michael Mettler: | @IP66: Heck schreibt in seinem "Ausblick" davon, dass die angesiedelte und die vorhandene Tierwelt in den deutschen Nationalparks allmählich die Scheu vor dem Wanderer verlieren werde, also war wohl nicht an Schaugehege gedacht, sondern an Freilandbeobachtungen. Das mit Nürnberg kam mir auch schon in den Sinn, nach dem Motto "deutsches Wild im deutschen Wald" wäre der Tiergarten eigentlich DER Zoo für die Rückzüchtungsprodukte gewesen. Aber vielleicht kam seine Einrichtung dafür zu spät bzw. kam es kriegsbedingt nicht mehr dazu, dass er mit den beiden Tierformen bestückt wurde. (02.03.2008, 20:27) | ||
| IP66: | Wenn ich Ihre Informationen richtig einordne, könnte man mit einer gewissen Vorsicht sogar von einer Etablierung eines deutschen Rumpfzoos, vielleicht sogar in Zusammenhang mit dem Direktorenwechsel sprechen. Im Zooplan von 1936 - dem ersten, der seit der Eröffnung aufgenommen wurde - sind für den Hangbereich, der sich oberhalb des alten Hirschgeheges (der heutigen Südamerikaanlage), dem Platz zwischen Bärenburg und Fasanerie (heutiges Vogelhaus) und der Waldschänke (heutige Bärenanlage) erstreckt, einige Projekte verzeichnet: Ein Rehgehege in einem Teilbereich der heutigen Hirschanlagen, darunter eine Wildschweinbucht sowie ein Wassergeflügelteich auf dem Gelände der heutigen Pelikananlage und darunter ein Straußengehege dort, wo Sie vermutlich die Auerochsen ausfindig gemacht haben. Die Strauße hätten gut zu dem Bemühen gepaßt die Heufresserwiese durch Aussiedlung einiger Arten interessanter zu machen, zumal sich ungefähr dort, wo heute der Freiflugraum steht, noch ein kleines Bisongehege aus den Anfangsjahren des Zoos befand. Diese Planungen von Herrn Seiffge stehen wohl für den Versuch, einerseits das malerische Hanggelände für wenig Geld durch neue Gehege zu erschließen, andererseits aber auch einheimischen Arten mehr Platz einzuräumen, als Sie bislang in dem Zoo besaßen. Das Projekt einer Straußenanlage zeigt aber auch, daß es darum ging, mehr Gehege zu schaffen, als bislang vorhanden waren. Anscheinend hat noch Herr Seiffge oder dann schon Herr Wiedemann sich für Heckrinder anstelle der Strausse entschieden. Ich finde das in gewisser Hinsicht programmatisch, einerseits, weil in einem kleinen Zoo mit wenig großen Wildtierarten so eine Entscheidung größeres Gewicht hat, andererseits, weil das Auerochsenrückzüchtungsprojekt angesichts der angeführten Wildreservate durchaus politischen Charakter hatte. Es mag auch eine Rolle gespielt haben, daß ein Warmhaus, daß die Strausse benötigt hätten, nicht gebaut werden mußte, doch an einer so prominenten Stelle wie dem Vorplatz des Bärenzwingers müssen die Rückzüchtungen Publikumswirksamkeit entfaltet haben. Mich wundert, daß es 1941 in Nürnberg, einem bis heute durch viele "nordische" Arten in langer Haltungstradition geprägten Zoo, keine Heckrinder gab. Was die Wiederansiedlungsparks angetrifft, verstehe ich noch nicht ganz, welche Rolls der Besucher dort gespielt haben soll: Sollte der Rinder- und Pferdeherden mehr oder weniger in "freier Wildbahn" besuchen oder sollten ihm in Schaugattern Einzelexemplare vorgeführt werden? (02.03.2008, 14:36) | ||
| Michael Mettler: | Sorry, muss mich korrigieren - der "Tarpan" bzw. das "deutsche Waldpferd" taucht in Lutz Hecks Buch doch noch auf, allerdings nicht in einem eigenen Kapitel wie der "Auerochse", sondern unter "Deutsche Wisenthege und Urwildschutz". Und im "Ausblick" des Buches fand ich dann auch den Hinweis, dass Schorfheide, Rominter Heide und andere Gebiete sowohl als "Urwildschutzparks" als auch als deutsche Nationalparks gedacht waren, die der Erholung suchenden Bevölkerung zur Verfügung stehen sollten, sobald sich das "Urwild" etabliert haben würde. (02.03.2008, 13:44) | ||
| Michael Mettler: | Wegen der Wuppertaler "Auerochsen" habe ich mal in meinen alten Zooführern nachgesehen. In den ersten Ausgaben der Nachkriegszeit sind für die 50er Jahre noch zwei Gehege für Wildrinder in den Zooplänen verzeichnet, über deren Besatz die Texte leider nichts hergeben. Diese Gehegeflächen wurden später umgenutzt, heute befinden sich dort die Königspinguinanlage und die Känguruwiese. In der Ausgabe von 1951, die ein Mittelding aus Zooführer und Chronik darstellt (70 Jahre Zoo Wuppertal), gibt es einen unbeschrifteten Zooplan mit Tiersymbolen, darunter etwas, was ein Heck-Rind darstellen könnte, an der Stelle des heutigen Bongo-Geheges. Interessanterweise ist auch für das Elefantenhaus neben dem Elefanten ein weißes Rind eingezeichnet, das ein Steppenrind darstellen könnte; möglicherweise im heutigen Okapigehege, das ja vorher längere Zeit aus Haustiergehege genutzt wurde? 1941 erschien Lutz Hecks Buch "Auf Tiersuche in weiter Welt" mit einem eigenen Kapitel "Neuzüchtung des Auerochsen oder Ur" - über den "Tarpan" gibt es dort übrigens nichts zu lesen. Zu diesem Zeitpunkt gab es "Auerochsen" laut Heck nur im Berliner Zoo, im Münchener Tierpark, im Augsburger Heimattiergarten und im Königsberger Tiergarten, dazu "im Freiland" in der Rominter Heide in Ostpreußen. Von Wuppertal bzw. Elberfeld also (noch) keine Rede. (02.03.2008, 12:24) | ||
| Michael Mettler: | Wenn man nun auch noch die Grenze zwischen einem Wildpark und einem Wildgatter als fließend betrachtet, war die Etablierung "deutschen Urwildes" in der Schorfheide zur fraglichen Zeit in gewissem Sinne ein solches Anliegen. Mit "Auerochse" und "Tarpan", Wisent und Elch wurden dort gleich vier Tierarten angesiedelt, die man mit heutigem Vokabular als Flaggschiffarten bezeichnen könnte. Allerdings weiß ich nicht, ob man damals im Auge hatte, dieses Projekt auch Publikum zugänglich zu machen. Auch für das "deutsche Urwild" wurde aber möglicherweise in die unpuristische Trickkiste gegriffen. Lutz Heck interessierte sich auch sehr für "kanadisches Urwild" und importierte m.W. Elche aus Kanada - vielleicht mit dem Hintergrund, dem "deutschen Elch" durch Einkreuzung (was man ja früher gern "Blutauffrischung" nannte) zu etwas mehr Kaliber zu verhelfen...? (01.03.2008, 10:53) | ||
| IP66: | Es wird wohl immer schwer bleiben, zwischen Kleinzoo und Wildpark zu unterscheiden. Außerdem gab es schon bei Zoos im 19. Jahrhundert die Schwierigkeit, daß man zunächst mit vermeintlich einfach zu haltenden einheimischen Arten beginnen wollte und recht bald lernte, daß mancher Exot sich besser hält und mehr Besucher anzieht - Münster wäre ein solches Beispiel. Auf der anderen Seite gibt es echte Wildparks, die ziemlich ausschließlich einheimische Arten halten. Für die Heimattierparks der DDR traf diese strenge Beschränkung sicher nicht zu, doch meine Überlegung geht dahin, ob es nicht doch - in der NS-Zeit, davor oder danach - Konzepte gegeben hat, eine Art "deutschen Zoo", wie man ihn in München oder Berlin realisierte, gleichsam abgetrennt vom exotischen Rest als Wildpark in der Provinz zu installieren. (01.03.2008, 10:25) | ||
| Oliver Jahn: | @IP66, die Tiergärten in Stendal, Eberswalde und Gera waren Tiergärten, keine Zoos. Somit hatten sie schon einen Tiergrundbestand, der auf heimischen Tieren basierte. Allerdings haben aller drei Einrichtungen auch sehr früh schon etliche Exoten gehalten. Kulane, Tiger, Leoparden, Pumas, Schakale und Binturongs, um nur einige zu nennen. Eine Austellung einheimischer Arten in der Form eines kleinen "deutschen Zoos" gab es aber dort nicht, dafür waren die Einrichtunge zu klein und absolut gar nicht nach Regionen aufgeteilt. (29.02.2008, 20:43) | ||
| IP66: | Ich habe den Namen Heck-Rind erst hier im Forum kennengelernt und finde ihn nicht sonderlich praktisch, auch wenn ich das Problem sehe, daß durch die Benennung Auerochse die Illusion der Wiederbeschaffbarkeit einer ausgestorbenen Art entsteht. Interessant fände ich, ob die Haltungen in Eberswalde, Gera und Stendal im Rahmen einer Ausstellung einheimischer Arten erfolgte, also im Sinne eines Tierparks, der sich ähnlich wie der Alpenzoo Innsbruck heimischer oder heimisch gewesener Arten annimmt. Es gibt ja einige Verbindungen von Dathes Zookonzept in Friedrichsfelde mit dem deutschen Zoo in Berlin und vor allem dem neuen Zoo in Nürnberg, und es mag sein, daß auch die Idee des Heimattierparks durch ältere Konzepte beeinflußt wurde. Auch ich habe die Formen in den 70er Jahren in München kennengelernt, Tarpane in der selben Zeit auch in Duisburg. Das leipziger Hirschhaus verkörpert einen besonders großzügigen Typus, der sich in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts entwickelte, um die beliebten und nicht ganz ungefährlichen großwüchsigen Elch- und Rothirschformen ausstellen zu können. (29.02.2008, 10:45) | ||
| Michael Mettler: | Mit Sababurg war ich auf dem Holzweg, da habe ich im Hinterstübchen was zusammengeschmissen. Als der damals noch herrschaftliche Wildpark im 16. Jahrhundert gegründet wurde, hielt er neben anderen Tierarten noch ECHTE Auerochsen (mag sein, dass das Lutz Heck in einem seiner Bücher erwähnte und ich den Park deshalb versehentlich mit seinem Projekt in Verbindung brachte). Als öffentlichen Wildpark gibt es Sababurg aber erst seit Anfang der 1970er Jahre, und da griff man das Thema des "ausgestorbenen Urwildes" mittels der beiden Rückzüchtungen auf. Ist in Wikipedia nachzulesen, wie übrigens auch der für mich neue Hinweis unter dem Stichwort Tarpan, dass Konik, "Tarpan" (dort tasächlich auch als Heck-Pferd bezeichnet) und Dülmener seit einiger Zeit gezielt verkreuzt werden, was die wachsende Ähnlichkeit untereinander natürlich erklärt. So werden für die Zucht der Dülmener "Wildpferde" im Merfelder Bruch seit Jahren Koniks als Deckhengste eingesetzt. (29.02.2008, 10:40) | ||
| Michael Mettler: | Meine "Erstbegegnung" war 1982 in München. Beeindruckt von den Pseudo-Auerochsen war ich aber erst bei meinen Besuchen in Antwerpen und Leipzig ein paar Jahre später, denn bei den dortigen Gehegen stand man relativ dicht an den Tieren, während ich sie damals in Hellabrunn leider nur am entferntesten Ende der großen Anlage gesehen hatte. (28.02.2008, 23:25) | ||
| Oliver Jahn: | In Leipzig und im TP Berlin habe ich die Tiere übrigens nie bewußt wahrgenommen. Ich kannte sie nur aus Büchern und habe sie dann erst 1992 in Ludwigshafen das erste mal gesehen. (28.02.2008, 22:29) | ||
| Michael Mettler: | @Oliver Jahn: Das war zu Zeiten des geteilten Deutschlands auch im Westen so, überhaupt ist der Name Heck-Rind anscheinend relativ jungen Ursprungs. Hat vielleicht etwas mit der zunehmenden Verbreitung in der Landschaftspflege zu tun - vor einem "Auerochsen" schrecken die genehmigenden Behörden womöglich eher zurück...? (28.02.2008, 22:16) | ||
| Oliver Jahn: | Es ist ein Hirschhaus. Es gab einen großen Elchkopf über einer Tür und auch von den Dachsparren gab es welche in Hirschform. Und es wurde als "Großes Hirschhaus" gebaut, Gegenstück zum "Kleinen Hirschhaus", in dem heute die Anoas sind. In der DDR gab es Heckrinder noch in den Tiergärten von Eberswalde, Gera und Stendal. Allerdings wurde die Bezeichnung Heckrind nie verwendet, sondern man schrieb immer Auerochse oder Ur und dann in Klammern (Rückzüchtung). (28.02.2008, 20:33) | ||
| IP66: | Vom Bautypus des Hauses her denke ich eher an Hirsche, zumindest nicht an Rinder, für die mir ohnedies Zentralbauten als Ställe nicht bekannt sind - vermutlich, weil in diesen aufgrund des Schnitts der Boxen nicht genügend Ställe zur Verfügung standen. (28.02.2008, 18:08) | ||
| Michael Mettler: | @IP66: Für welchen Zweck das Leipziger Haus ursprünglich gebaut wurde (große Hirscharten?), müsste ich in der Chronik nachblättern, das kann sicher einer der Ortskenner schneller beantworten. Zuletzt und über viele Jahre waren auf jeden Fall noch die Schneeziegen dort untergebracht. Das Haus ist ja ein "Rundbau" und hatte ursprünglich entsprechende vergitterte Tortenstückausläufe; ein enger gestecktes Thema als "Huftiere" hatte es anscheinend nicht. (28.02.2008, 12:54) | ||
| IP66: | Leider kenne ich mich in der Entwicklungsgeschichte von Wildparks garnicht aus. Ich weiß nur, daß das Wildgehege im Neandertal in faschistischer Zeit begründet wurde und gleichsam die Tierwelt des Neantertalers wiedererstehen lassen sollte, mit Wisenten, Tarpanen und wohl auch mit Auerochsen. Auch ein Wildpark im Waldeckischen, an einer Talsperre der Eder, gilt als faschistische Gründung. Ob es allerdings eine Parallelentwicklung zu Hecks "deutschem Zoo" bei den Wildparks gibt, kann ich nicht sagen, zumal es einzelne Hirschgehege und Kleinzoos ja auch schon im 19. Jahrhundert gegeben hat. Interessieren würde mich noch, ob die Heckrinder in Leipzig Bestandteil einer Reihe von Rindergehegen oder eines Haustierbereiches waren. (28.02.2008, 10:39) | ||
| Michael Mettler: | In Wildparks sind die beiden "Rückzüchtungen" vermutlich noch etwas verbreiteter als in Zoos. Allerdings scheint mir der "Tarpan" eher auf dem Rückzug zu sein als der "Auerochse", da es mit dem polnischen Konik, dem Dülmener "Wildpferd" oder dem portugiesischen Sorraia Pferderassen gibt, die nicht erst in jüngerer Zeit "zustandegekreuzt" wurden, genausogut als Modell für den echten Tarpan dienen können und teilweise als bedrohte Haustierrassen (Sorraia) gelten. Heck-Rinder wurden m.W. schon zu DDR-Zeiten in der extensiven Weidehaltung getestet und haben sich zur Geländepflege so bewährt, dass es z.B. einen riesigen Bestand in den holländischen Oostvardersplassen gibt - also in einem Land, das genügend Grund hätte, NS-"Produkte" abzulehnen... Bei den dort ebenfalls angesiedelten Pferden griff man aber auf Koniks statt auf "Tarpane" zurück. Ich habe kein ausgesprochenes Auge für Pferde, aber in Warder habe ich vor Jahren mal beide Rassen gesehen und mich gefragt, worin überhaupt ein nennenswerter Unterschied liegen soll. Was eigentlich auch nicht verwunderlich ist, da der Konik eine wichtige "Zutat" im Kreuzungsrezept der Hecks war. Die letzten Leipziger "Auerochsen" sah ich noch selbst in den früheren Gehegen jenes Hauses, das heute zur Tiger-Taiga zählt; es war ein Paar, das mit Thüringer Landziegen vergesellschaftet war. Sababurg ist ein klassischer Zuchtstandort für "Auerochsen"; wenn ich mich nicht täusche, verdankt der Park ihnen sogar seine Existenz in der heutigen Form (und den Namen "Urwildschutzpark"). (27.02.2008, 23:52) | ||
| IP66: | Die duisburger Tarpane - direkt neben den Urwildpferden auf einem Teil der heutigen Australienanlage - kann ich mich erinnern, an Heckrinder nicht, wobei sich hier eine personale Verbindung zu Herrn Wiedemann und Wuppertal ergibt. Daß es die Art im Tierpark gab, überrascht mich, auch wenn dort bis heute die Haltung von interessanten Haustierformen eine Tradition hat, die ich, etwa in gestalt der Haustieranlagen am Brehm-Haus oder auch am Kinderzoo, sehr anspricht. Auch die dortmunder Tarpane - in der Nachbarschaft eines großen Wisentgeheges, habe ich kennengelernt, allerdings eher als Überbleibsel aus der Wildpark- und Anfangszeit des Zoos interpretiert. Leipzig finde ich besonders interessant, zumal der Zoo dort ja eher unter Platzmangel litt und deshalb in Huftierfragen auswählen mußte. Ich hatte in der Tat gedacht, daß man dergleichen fleischgewordene Erinnerung an die NS-Zeit zumindest in den großen DDR-Zoos vermieden hätte - gut, daß man dazulernen kann! Mich hat immer gewundert, daß Klös den Vorkriegszoo als ein wiederherzustellendes Ideal gesehen hat, allerdings auf die Haltung der Rückzüchtungen verzichtete, während er andere nordische Tiere wie Urwildpferde und Gaure, aus München beschaftt hat und zu den Heck-Söhnen wohl auch ein gutes Verhältnis unterhielt. Zwar wurde es im Rinderrevier zusehens eng, aber es hat dort meines Wissens immer Haustierformen wie Watussis oder Zebus gegeben, auch wenn die Wildformen Überhand gewannen. Heute würde ich die Rückzüchtungen vor der Kulisse der Heimatstil-Häuser und gegenüber dem Robbenfelsen für besonders wirkungsvoll halten. Der für mich zum Ausgang der Überlegungen gewordene Fall in Wuppertal ist insofern interessant, als der Zoo wahrlich keine großen Möglichkeiten besaß, Huftiere zu halten, und ich bis heute nicht weiß, wo die Rückzüchtungen untergebracht waren. (27.02.2008, 10:57) | ||
| WolfDrei: | Nur zum Tierpark Berlin: Die "Auerochsen" standen wohl noch bis Mitte der Siebziger auf der Anlage, wo heute die Kiangs sich befinden, meine letzten "Tarpanaufnahmen" (noch in schwarz-weiß) sind etwa von 1966-habe ich die nicht noch um 1992 in Saarbrücken gesehen? (27.02.2008, 06:57) | ||
| Oliver Jahn: | Ich habe die Heckrinder das erste mal in einem kleinen Wildpark in Ludwigshafen, Rheingönheimer Wäldchen gesehen. Später meine ich, noch mal eine Herde im Wildpark Sababurg gesehen zu haben. In Zoos kenne ich sie gar nicht mehr. (26.02.2008, 22:37) | ||
| Michael Mettler: | @IP66: Ich halte es für fraglich, dass die "Auerochsen" und "Tarpane" wegen einer gedanklichen Verbindung zur NS-Zeit aus den Zoos verschwunden sind. So gab es in den 80er Jahren z.B. Heck-Rinder in den Zoos von Antwerpen und Leipzig, und der Tierpark Berlin führte das Zuchtbuch... Eher glaube ich, dass sie z.T. Wildformen und/oder bedrohten Haustierformen weichen mussten, weil man die für wichtiger erachtete und das Pseudo-Urwild nur wenig Publikumsinteresse weckt. Sieht man heute noch z.B. in Springe, wo die tarpanähnlichen Sorraia-Pferde (und die Przewalskipferde!) laut Besucherumfrage des Parks zu den für das Publikum uninteressantesten Tieren gezählt wurden. Mit bunt gescheckten Shetlandponys oder Tinkern ließe sich wahrscheinlich mehr Aufmerksamkeit in der Planstelle "Pferd" erzeugen... Duisburg muss bis in die 70er hinein auch noch Heck-Rinder gehalten haben, darauf deutet ein in dieser Zeit erschienenes Buch von Gewalt hin (ich müsste in den Zooführeren nachschlagen). "Tarpane" gab es noch viel länger in Dortmund, wo man sich sogar die Mühe machte, die für das "Wildpferdmodell" unerwünschte Hängemähne zur Stehmähne zu stutzen. Dass aber beide "Rückzüchtungen" seit Jahrzehnten nicht mehr im Berliner Zoo gehalten wurden, hat mich auch schon gewundert. (26.02.2008, 21:48) | ||
| Ralf Sommerlad: | @Zoosammler:Heinz Heck setzte übrigens seine Attacken gegen Grzimek auch nach der erfolglosen Denunzination fort, Grzimeks Autobiografie"Auf den Mensch gekommen" gibt näheren Aufschluss - übrigens auch über Grzimeks Arbeit während des NS-Regimes. Als Widerstandskämpfer würde ich ihn dennoch nicht bezeichnen, auch wenn das Spruchkammerurteil beinahe so klingt. (26.02.2008, 20:47) | ||
| IP66: | In der Chronik des wuppertaler Zoos bin ich auf den Hinweis gestoßen, daß der dortige Zoo, trotz begrenzter Ressourcen zur Rinderhaltung, in der Zeit Wiedemanns Auerochsenrückzüchtungen gehalten hat. Das halte ich für weniger verwunderlich als die Tatsache, daß aus diesem Zoo wie auch aus vielen anderen Heck-Rinder wie die entsprechenden Pferde alsbald wieder verschwunden sind - ich kann mich aus Kindheitstagen noch an Tarpane in Duisburg erinnern, ansonsten gab es die Formen aber nicht einmal in Berlin, nur noch in München. Gerade Wuppertal, dessen Tierbestand recht vollständig durch den Krieg kam, scheint sich irgendwann von den Tieren getrennt zu haben. Weiß jemand näheres darüber? (26.02.2008, 19:18) | ||
| IP66: | Gab es eigentlich auch in Leipzig so etwas wie den berliner "deutschen Zoo" oder dessen Pendant in München? (23.03.2007, 10:56) | ||
| Konstantin Ruske: | In der Panthera 2005 findet sich ein Abdruck einer Rede, die sich mit dem Leben und Werk von Karl Max Schneider befaßt, geschrieben und gehalten von Lothar Dittrich. Auch die NSdAP- Mitgliedschaft ( ab 1937, also relativ spät und eher gezwungenermaßen)wird erwähnt und auch, was ja selten ist,kritisch- sachlich wertend eingeordnet. Übrigens trat Schneider nach 45 recht bald in die SED ein, mit ebensowenig Überzeugung. Eine sehr interessante Zusammenfassung der Biographie, und für die gebührende Kürze einer Rede immer noch recht detailreich. (23.03.2007, 09:08) | ||
| Niels: | Im KZ Buchenwald (war gestern dort) gab es auch einen Zoo genannten kleinen Tierpark zur Erholung für die dortigen SS-Leute und ihre Familien, der hatte aber nur so Rehe und Hühner. Die größte Attraktion scheint eine Freianlage mit Bären gewesen zu sein, die aus groben Natursteinblöcken gemauert wurde, welche aus dem berüchtigten Steinbruch nebenan kamen. Die Anlage steht direkt unmittelbar neben dem Elektrozaun des Häftlingslagers. (25.06.2006, 00:00) | ||
| Michael Mettler: | In der Leipziger Jubiläumschronik "Auf der Spur des Löwen" wird in Zusammenhang mit der Einrichtung des Kinderzoos erwähnt, dass das NS-Regime großen Wert auf die Präsenz von einheimischen Tierarten und Haustieren in den Zoos legte und der Zoochef eigentlich schon einen Fauxpas damit beging, dass er im Kinderzoo auch ein paar Exoten wie Papageien und Affen unterbrachte. (23.06.2006, 00:00) | ||
| Zoosammler: | In diesem und dem thematischen Gesamtzusammenhang vielleicht ganz interessant: "Ende 1947 warf die US-Militärregierung Grzimek vor, seine Mitgliedschaft in der NSDAP verschwiegen zu haben, und belegte ihn u.a. mit einer rechtskräftigen Geldstrafe von 5.000 Reichsmark. Grzimek stritt einen Beitritt oder eine Anwartschaft zur NSDAP stets ab. Die Frankfurter Spruchkammer sah seine Mitgliedschaft aufgrund bestimmter Indizien nicht als erwiesen an und bescheinigte ihm am 23. März 1948 aufgrund mehrerer Zeugenaussagen im Gegenteil, "dass er wiederholt und fortgesetzt aktiven Widerstand gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft geleistet hat" und daher "in die Gruppe der Entlasteten eingereiht" werde. Daraufhin wurde die ihm auf Weisung der US-Behörden bereits schriftliche mitgeteilte Amtsenthebung wieder zurückgenommen. Mehrfache weitere Verleumdungen und Klagen, vor allem vorangetrieben durch einen erklärten Gegner, den damaligen Münchner Zoodirektor Dr. Heinz Heck, veranlassten Grzimek, sich Ende der 1940er Jahre nach anderen Wirkungsfeldern, z. B. im Zoo Schweinfurt, umzusehen, doch letztlich stellten sich alle Vorwürfe als haltlos heraus." Quelle: Wikipedia, Stichwort "Bernhard Grzimek" (23.06.2006, 00:00) | ||
| Michael Mettler: | In der Hellabrunner Zoochronik "Nilpferde an der Isar" findet sich die Bemerkung, dass Heinz Heck als einziger deutscher Zoodirektor nicht Mitglied der NSDAP gewesen sei! (22.06.2006, 00:00) | ||
| Ingo Rossi: | @Mustafa Haikal: Sehr geehrter Herr Haikal, ich habe das Buch themengerecht im Leipziger Zoo gekauft und noch am gleichen Abend gelesen. Es hat mir gut gefallen! Zu Ihrer Entlastung sei ja auch noch gesagt, das der Circus Barum (Kreiser) bewusst das "n" von Barnum unterschlagen hat, um durch die leichte Verwechselungsmöglichkeit ein grösseres Publikumsinteresse hervor zurufen. Aber wie schon gesagt, das Lesen der Löwenfabrik hat mit grossen Spass gemacht, wie übrigens auch von der Zoo-Chronik. Vielen Dank dafür! P.S.: Bin schon auf das nächste Buch gespannt! ;-) (19.06.2006, 00:00) | ||
| Mustafa Haikal: | Karsten Vick: An den zitierten Quellen kann es gar keinen Zweifel geben. Leider fehlt mir die Zeit, an dieser Stelle ausführlicher darauf einzugehen. Vielleicht findet sich ja mal die Gelegenheit, anlässlich einer Lesung über diese und andere Fragen zu sprechen. Mit freundlichen Grüßen und allen guten Wünschen (19.06.2006, 00:00) | ||
| Karsten Vick: | @Mustafa Haikal: Aber die NSDAP-Mitgliedschaft von Prof. Schneider haben Sie schwarz auf Weiß gefunden? Denn das war es ja was keiner von uns so recht glauben wollte. (19.06.2006, 00:00) | ||
| Mustafa Haikal: | Sehr geehrter Herr Rossi. Natürlich haben Sie mit Blick auf die Verwechslung der Zirkusnamen Recht. So etwas ist immer ärgerlich, kann aber vorkommen. Was die Quellen des Buches Die Löwenfabrik betrifft, so möchte ich Sie beruhigen. Ich habe in vielen Monaten Arbeit das Archiv des Leipziger Zoos durchgeackert und für das Buch mehrere tausend Kopien angefertigt. Im Normalfall ist ein solcher Aufwand an Recherche für einen freiberuflichen Autor nicht zu leisten, hier jedoch kamen mehrere glückliche Umstände zusammen, so vor allem die Finanzierung der Publikation durch den Leipziger Zoo. Ich hoffe, dass das Buch Ihnen dennoch gefällt und freue mich, dass Sie es gelesen haben. (19.06.2006, 00:00) | ||
| Karsten Vick: | Interessant ist, dass Klös lt. BONGO bis in die 80er Jahre nur gerüchteweise von der Grunewald-Planung wusste. Erst bei einer historischen Ausstellung in einem Berliner Museum stießen sie mit der Nase auf die Planzeichnung. Nun sage ich mal, wenn diese Planungen schon weit gediehen gewesen wären, dann hätte Klös doch Bescheid gewusst, zumal er Lutz Heck darüber ausfragen konnte. (16.06.2006, 00:00) | ||
| Michael görick: | Laut angaben im Buch "Die Arche Noah an der Spree " soll Heck sich gegen diese Pläne gewehrt haben. Er soll aber an einer Dependance im Grunewald interessiert gewesen sein. (16.06.2006, 00:00) | ||
| IP66: | Ganz so falsch ist Ihre Beobachtung ja nicht. Nur scheint mir die Demöblierung von Anlagen eher der Bauhaus-Bewegung geschuldet als dem Nationalsozialismus. Auch in den Museen war es ja so, daß man die Kunstgegenstände, die man bislang gerne zu Epochenräumen malerisch zusammengestellt hatte, schön nebeneinander in Vitrinen aufstellte oder die Gemälde an klinisch weiße Wände hängte und zwar schon recht bald nach 1900, als der Faschismus noch nicht einmal als Theorie fertig war. Das frankfurter Menschenaffenhaus ist hier ein von mir schon häufiger zitiertes Beispiel. Die Entschnörkelung der Architektur entspricht ähnlichen Kriterien, auch wenn ich die hallenser Entwicklung en detail leider nicht kenne. Aber nehmen sie die Affenfreianlagen oder das Raubtierhaus in Nürnberg: Man geht zwar nicht zurück zur Gründerzeitkommode, aber es gibt Säulen, Portale, Felskulissen und allenthalben Symmetrie. Und im Elefantenhaus dort wird sogar eine Art Bühneneffekt re-etabliert. In Münster waren/sind die Anlagen auch relativ kahl, aber es sind gleichsam Innenräume einer modernen Skulptur. Nehmen sie da das Bärenhaus - eine Folge sich ergänzender und keinesfalls rechtwinkliger Räume, gegründet auf einem komplexen Maßsystem und unendlich belebt und abwechslungsreich gestaltet, weit weg von Kästen und rechten Winkeln. Das setzte sich auf den Außenanlagen fort, und das konnte man natürlich nur bewundern, wenn nicht irgendwelche Bäumchen oder Naturfelsen die Sache störten. Hingegen waren die Tiere gewollte Teile des Ganzen, was sich noch nachvollziehen läßt, wenn man die Giraffen vor oder auch in der Betonskulptur anschaut, die ihr Haus bildet: Es entsteht ein Formendialog zwischen Tier und Behausung, auch im Innenraum des Bärenhauses. Für die Tiere war das so praktisch oder unpraktisch wie manche Felsanlage heute, und an manchen Stellen - Menschenaffen, Riesenschildkröten - sicherlich von Anfang an verfehlt. Aber wenn sie einen Dialog zwischen Tiergestalt und Behausung suchen, stoßen sie auch heute auf verschieden gelungene Anlagen, und den Kunstfelsen in Gelsenkirchen wünscht man es schon, daß sich doch noch einmal ein Bildhauer darum kümmert, der etwas von seiner Arbeit versteht. (16.06.2006, 00:00) | ||
| Oliver Jahn: | Ich kenne mich in der Architekturgeschichte nicht so gut aus, aber allein aus dem kahlen und nüchternen und schmucklosen lassen sich rein vom Empfinden schon Parallelen ziehen. In der NS-Ära wurden in den Vogelvolieren in Frankfurt sämtliche Inneneinrichtungen entfernt, um nicht störend vom Tier abzulenken. Die Hallenser Bärenburg wurde geschliffen, um unnötigen Schmuck zu vermeiden. Und einige Leipziger und Berliner Bauten sprechen die gleiche Sprache der "Schnörkellosigkeit" und Klarheit der Zoo-Bauten der NS-Zeit. Und genau daran fühlte ich mich sehr stark erinert, als ich Münster das erste mal noch vor der Umbauphase besuchte. (16.06.2006, 00:00) | ||
| IP66: | Gehört die Grundwald-Idee zu den Speer-Plänen oder wurde sie von Heck selber lanciert? @Oliver Jahn Die münsteraner Neubauten haben mit NS-Architektur sehr wenig zu tun. Auf der einen Seite sind sie sehr avantgardistisch, zum zweiten gezielt antitraditionell, und zum dritten lösen sie sich ja sehr mutig aus dem Parkkonzept mit Großanlagen, wie sie Nürnberg verkörpert. Hinzu kommt, daß der Heimatschutz ja immer auf die Verwendung von Naturstein drängte, was man nicht nur in Nürnberg, sondern auch in den berliner Neubauten sieht. Was Neubauten angeht, darf man nicht vergessen, daß ja nur von 1933 bis 1939 gebaut werden konnte, also wenig Zeit für Stilprägung und Neuausrichtung zur Verfügung stand. Da ist dann zumindest in Nürnberg und Berlin doch viel entstanden - und auch noch sehr viel erhalten. (16.06.2006, 00:00) | ||
| Oliver Jahn: | Habe gestern noch mal nachgelesen, die Nazis haben ja offiziell in Frankfurt z.B. den Begriff Zoo verboten! Er war ihnen nicht "deutsch" genug und musste in Tiergarten umgewandelt werden. Gab es das in Berlin oder anderen Städten auch? Was ich bereits weiter unten zu Halle geschrieben habe, trifft auf jeden Fall auch für Frankfurt zu. Hier wurden ab 1933 auch etliche Umbauten vorgenommen, nicht nur für "deutsche" Tiere, so zum Beispiel der Erweiterungsbau der Elefantenfreianlage und auch in Frankfurt wurde dazu auf den Reichsarbeitsdienst zurückgegriffen. Das ermöglichte den Zoos natürlich einiges! Denn gerade die Baukosten sind ja bis heute nicht unerheblich im Etat und mancher Neubau oder manche Sanierung wäre ja auch heute ohne ABM ebenfalls nicht möglich gewesen. (15.06.2006, 00:00) | ||
| Ingo Rossi: | In dem Buch "Löwenfabrik" wird der Eintritt Prof. Schneiders in die NSDAP mit 1937 angegeben. Der Eintritt in die SED wird ohne Jahrezahl erwähnt. (15.06.2006, 00:00) | ||
| Oliver Jahn: | Genau diese Quelle habe ich mir gestern noch mal angesehen und es ist die einzige. Mir kommt es fast so vor, als hätte er hier die Vita von Schneider mit der von Dathe verwechselt!! (15.06.2006, 00:00) | ||
| th.oma.s: | prof.dr.schneider war nsdap-mitglied quelle: haikal/juhnhold:auf der spur des löwen-125 jahre zoo leipzig, s. 150 und 178 (14.06.2006, 00:00) | ||
| Ingo Rossi: | In den neuen Buch "Löwenfabrik" ist Prof. Schneider auch ein Kapitel gewidmet und einiges interessantes steht über ihn dort. Wenn gleich das Buch auch vom gleichen Autor wie die Leipziger Chronik ist. Ob er immer genaue Quellen hat, ist nicht genau klar. Zumal bei der Leipziger Löwenjagd auch die Löwen des Circus Barum und nicht, wie er schreibt Barnum, ein amerikanischer Zirkus, erschossen wurden. (14.06.2006, 00:00) | ||
| Oliver Jahn: | In welcher Chronik ist das denn geschrieben? ich möchte es hier glatt bezweifeln. Bei Kurt Priemel habe ich mich geirrt, er ist sogar im Buch Von Bürgern für Bürger mit parteiabzeichen abgebildet. Aber Schneider hat mit die höchsten Auszeichnungen bekommen, die es in der DDR gab. Am 6. Oktober 1953 wurde Karl Max Schneider mit dem Nationalpreis der DDR geehrt eine Auszeichnung, die ihn zutiefst berührte, wie Ingeborg von Einsiedel erzählte. 1954 erhielt er auch den Vaterländischen Verdienstorden in Silber. Im Juli 1955 wurde Schneider zum Ehrenbürger der Stadt Leipzig ernannt. Und das mit NSDAP-Vergangenheit? Weiterhin ist in etlichen Werken zu lesen, welche Probleme ihm die Nazis in Leipzig gemacht haben und dass er mehrfach ganz kurz vor der Inhaftierung stand. Im gesamten Net ist ebenfalss nichts darüber zu finden. Ob da in einem einzelnen Werk wirklich sauber recherchiert wurde, möchte ich bezweifeln. (14.06.2006, 00:00) | ||
| Konstantin Ruske: | Bitte vorhandene Literatur besser nutzen! In Leipzigs Chronik wird die NSdAP- Mitgliedschaft Prof. schneiders erwähnt ( wenn auch nicht ab der ersten Stunde dabei, und eher zugunsten des Zoos), er wurde nach `45 nicht abgesetzt. (14.06.2006, 00:00) | ||
| Michael Görick: | Für Berlin planten die Nazis einen 120 ha neuen zoo im Grunewald. (13.06.2006, 00:00) | ||
| Zoosammler: | Allderings muss man da aufpassen. Natürlich steht niemandem eine NSDAP-Mitgliedschaft gut zu Gesicht und FÜR eine Person spricht sie auch nicht. Nur: Die Mitgliedschaft in der NSDAP an sich kann, je nachdem wie er sich mit ihr vehrielt, nicht als großer Schatten auf Dathes Lebenslauf gewertet werden, denn wer war nicht alles Mitglied? Der noch so kleinste Mitläufer. Und immerhin haben es ehemalige NSDAP-Mitglieder, die sogar hochrangige Beamte im dritten Reich waren, auf die Posten von Bundesministern, Ministerpräsidenten und sogar Bundeskanzler und Bundespräsident geschafft. Dathe selbst verschwieg laut Wikipedia die Mitgliedschaft nie und begründete sie mit patriotischer Verblendung - wie vielen Tausenden jungen Leuten in den Jahren ging es nicht so? Das mag es nicht entschuldigen, aber vielleicht ins rechte Licht rücken. Ich weiß nicht, wie Dathe sich in der NS-Zeit verhalten hat, aber so lange es bei einer einfachen Parteizugehörigkeit blieb, lässt sich das durchaus gelassen betrachten. (13.06.2006, 00:00) | ||
| th.oma.s: | prof.dr.dr.heinrich dathe war nicht in der sed, wohl aber in der nsdap... soviel wie ich weiss, war wohl gar kein ddr-zoodirektor in der sed... (13.06.2006, 00:00) | ||
| Michael Mettler: | Hat zwar nichts mit irgendwelchen Parteizugehörigkeiten zu tun, aber in Klös' Buch "Die Arche Noah an der Spree", in dem ich zufällig gestern etwas suchte (und mich wieder mal ganz woanders festlas), kommt an einer Stelle sehr offen das Konkurrenzdenken und ein gewisser Neid von Klös auf Dathe (bzw. dessen Handlungsfreiheiten) heraus. Klös erwähnt auch, dass er dem Kollegen zwar große tiergärtnerische Fähigkeiten zusprach, es aber große menschliche Differenzen gegeben habe. Nach diesen - immerhin "öffentlichen"! - Bekundungen zu urteilen ist es ja wohl kein Wunder, wenn nach dem Mauerfall das "Highlander"-Prinzip angewendet wurde: Es kann nur EINEN geben! (13.06.2006, 00:00) | ||
| Dennis: | ich habe mal gehört das Speer für "Groß Germania" den größten zoo, den größten Freizeitpark und das größte schwimmbad der Welt bauen wollte. Aber das waren doch nur spinnereien der Nazis ! (13.06.2006, 00:00) | ||
| Oliver Jahn: | Stimmt Karsten, jetzt kann ich mich auch wieder erinnern. Und die PDS hat im Stadtparlament eine Bennung einer Strasse nach ihm abgelehnt, wegen seiner Zugehörigkeit zur NSDAP. Was man alles vergißt!!! Für mich bleibt ein Mann wie Heinrich Dathe dennoch einer der ganz Großen!!! Und er hat in Leipzig eben Prof. Schneider in der Zeit der Nazis auch nicht "entmachtet"! (13.06.2006, 00:00) | ||
| Karsten Vick: | Soweit ich weiß, war Dathe nicht in der SED. Vielleicht erinnert ihr euch noch an seinen Tod 1991. Kurz vorher hatten ihn die neuen Machthaber vollkommen gesetzeskonform aber äußerst kaltschnäuzig aus Altersgründen in den Ruhestand versetzt und seine Dienstwohnung gekündigt. Wenige Wochen später war er tot. Auch viele westdeutsche Zoodirektoren protestierten energisch gegen diese Behandlung. Da kriegten einige der Verantwortlichen wohl ein schlechtes Gewissen und versuchten, ihm "Staatsnähe" und SED-Mitgliedschaft zu unterstellen. Ging aber nicht, Dathe war nicht in der Partei. Also mussten sie noch tiefer schürfen und förderten Dathes NSDAP-Mitgliedschaft zu Tage. Ich habe immer das Gefühl, als wenn die neue TP-Leitung inklusive Prof. Klös und Dr. Blaskiewitz mit dieser Geschichte nicht so recht umzugehen wussten und es hauptsächlich dem Förderverein zu verdanken ist, dass Dathes Erbe inzwischen wieder voll gewürdigt wird. Es ist natürlich auch wahr, dass Dathe das alles nicht nötig gehabt hätte, wenn er beizeiten seinen Platz für einen Nachfolger frei gemacht und nicht noch mit 80 den Tierpark geleitet hätte. (13.06.2006, 00:00) | ||
| Oliver Jahn: | Kurt Priemel in Frankfurt hat es ja wohl eben so ereilt wie Brandes. Aber das Dathe in der NSDAP war, das läßt mich nun doch erstaunt hier lesen. Das wußte ich nicht, hätte ich auch absolut nicht vermutet. Dass er in der SED war vermute ich auch ganz stark. (13.06.2006, 00:00) | ||
| Zoosammler: | Die Rolle der Zoodirektoren in dieser Zeit wäre sicher auch interessant zu betrachten, wie Oliver Jahn schon sagte, standen viele Direktoren sehr dicht am Regime (nicht zuletzt waren viele Zoologen sicherlich ob der menschenverachtenden Ideologien des Sozialdarwinismus und der Rassenkunde begeistert). Heck wird ja nicht ohne Grund 1945 aus Berlin vor den Russen geflohen sein, während viele andere Direktoren ihre Ämter ja nach Kriegsende zumindest eine gewisse Zeit noch behielten. Ein Beispiel für Amtsenthebungen ist übrigens Professor Brandes in Dresden, der auch sehr bald in seinem Zoo Hausverbot erteilt bekam. Ich will ihm kein Unrecht tun, aber erwähnenswert finde ich Heinrich Dathes Lebensweg: Er war Mitglied der NSDAP (laut Wikipedia) und ja wohl auch der SED, oder nicht? Ohne "Parteimitgliedschaft" konnte man doch wohl kaum ein solcher "DDR-VIP" sein. (13.06.2006, 00:00) | ||
| Oliver Jahn: | Bzgl. Berlins wäre es mal interessant zu erfahren, welche Rolle der Zoo in den Plänen Albert Speers beim Umbau Berlins zur Hauptstadt von Groß-Germania gespielt hat. Sicher hätte er 1945 bereits so ausgesehen, wie der Alwetter-Zoo in Münster über 20 Jahre später! (13.06.2006, 00:00) | ||
| Michael Mettler: | Ich vermute, dass Berlin als Zoo der Reichshauptstadt in dieser Hinsicht anders betrachtet wurde..? (13.06.2006, 00:00) | ||
| Oliver Jahn: | Für Halle und Breslau seie noch hinzugefügt, dass hier so gut wie gar keine "deutsche" Ausrichtung im Tierbestand passierte. Die Seekuh in Breslau hatten wir schon, Halle bezog in dieser Zeit vom Elefanten, über ein Flußpferd, bis hin zur ersten hallenser Giraffe überwiegen Exoten! (13.06.2006, 00:00) | ||
| Oliver Jahn: | Vergessen darf man auch nicht, dass jüdische Zoodirektoren und solche, die politisch nichts als ganz linientreu galten, sehr schnell ihrer Ämter enthoben worden. Dr. Honigmann in breslau ist nur ein Beispiel dafür. Viele der Zoos waren dann zwar eher unpolitisch geführt, aber in halle z.B. war Dr. Schmidt-Hoensdorf Mitglied der NSDAP und Mitgied der SS-Reiterstaffel. Diesen herren war dann sicher auch auf Grund ihrer politischen Aktivitäten manches möglich, was einem Prof. Schneider in Leipzig eben nicht gelang, weil er dem Regime eher kritisch gegenüber stand! (13.06.2006, 00:00) | ||
| IP66: | Mir scheint die Erkenntnis von Herrn Jahn sehr wichtig zu sein: Die stabile wirtschaftliche Lage stabilisierte die Zuschüsse, und dadurch gab es Planungssicherheit, die sich in Ankäufen niederschlug. Leider kenne ich die Baugeschichte in Hellabrunn nicht gut genug, und der jetzige Bestand ist durch die Änderungen der 70er Jahre stark überformt. So weiß ich beispielsweise nicht, ob das Rückzüchtungsgehege dort schon eine Vorkriegsanlage ist. Gibt es da Literatur? Berlin hatte das Problem, durch Hagenbeck in der Zwischenkriegszeit unaktuell geworden zu sein. Doch noch Ludwig Heck hat ja mit dem Robbenfelsen eine Wende eingeleitet, wobei er anstelle der Kunstfelsen in Stellingen Naturstein verwandte, was mit der Materialgerechtigkeit des Heimatschutzstils korrelierte. Das Affenpalmenhaus kam noch ohne Freianlage aus, aber dann gab es doch auch "exotische" Freianlagen an den alten Stilbauten. Die Fasanerie im deutschen Zoo greift mit ihren nach den Vorbildern alpenländischer Blockhäuser gestalteten Eingängen aber noch einmal den Stilbaugedanken auf, wenn auch national verträglich. (13.06.2006, 00:00) | ||
| Karsten Vick: | Die Auerochsen waren im Deutschen Zoo (wo jetzt die Rotbüffel sind), die Tarpane im Pferderevier, links neben dem Persischen Turm. Die Fläche müsste jetzt im Hartmannzebra-Spießbockgehege drinstecken. Aber die Freianlagen waren keine Bevorzugung deutscher Tiere. Heck jun. hat zu der Zeit auch anderswo Zäune abgerissen (Straußen-, Stelzvogel-, Elefantenhaus) und neue Gehege als Freianlage gestaltet (Affen-, Löwen- und Robbenfelsen). Seine Idee des Deutschen Zoos wurde von den Nazis gern gesehen. Er bedankt sich ausdrücklich beim Reichsjägermeister Göring für die 1936 zugesprochene neue Fläche. Und wenn man Hecks Buch "Auf Tiersuche in weiter Welt" liest, dann merkt man, dass "Deutsches Urwild" Wisent, Elch, Bär, Auerhahn und Trappe (letztere gab es zu Siegfrieds Zeiten bestimmt noch nicht in teutschen Landen), die rückgezüchteten Ure und Waldpferde bis hin zur Deutschen Bracke, Görings liebster Hunderasse, sehr hoch im Kurs stand. Das ging bis zur Auswilderung kanadischer Elche am Ostufer der Müritz. (13.06.2006, 00:00) | ||
| Michael Mettler: | @IP66: Der Unterschied zwischen München und Berlin lag meines Erachtens in der Grundkonzeption der beiden Zoos. München als Geo-Zoo hatte ohnehin schon die "deutschen" Tierarten unmittelbar benachbart untergebracht, im Berliner Systematik-Konzept musste ein entsprechender Kompromiss wahrscheinlich erst eingerichtet werden. Was mir auffiel, obwohl ich mich damit nicht näher befasst habe, ist, dass die "deutschen" Tierarten jeweils durch große (Freisicht-)Gehege gegenüber ihren fremdländischen Verwandten "aufgewertet" wurden (immerhin blieb dieser Zustand unabhängig von der politischen Richtung bei manchen Tierarten bis in die 80er Jahre erhalten!). So z.B. die Wildschweine (heute mit Weißbartpekaris besetzt), die Rothirsche (heute Barasingha-Anlage), die Elche (zuletzt Davidshirsche?), die Braunbären und Wölfe (letztere ursprünglich wohl ebenfalls auf einer der beiden Anlagen am Bärenfelsen untergebracht), die Steinböcke (heute Mähnenschafe), Gemsen (heute Klippspringer) und Alpenmurmeltiere.... Luchs, Fuchs und Wildkatze waren in heute noch bestehenden, aber nun für Vögel genutzten Volieren am Greifvogelfelsen untergebracht. Und schon ergab sich ein räumlich nahes Ensemble heimischer Tierarten, während direkt daneben fremdländische Verwandte in winzigen Menageriekäfigen und -ausläufen untergebracht waren (siehe Hirschrevier, Schweinehaus, Bergtierfelsen usw.). Aber wo waren eigentlich die Tarpan- und Auerochsen-Rückzüchtungen (wenigstens letztere gab es in Berlin auch noch nach dem Krieg) untergebracht - ebenfalls "deutsch-nah"? (13.06.2006, 00:00) | ||
| Oliver Jahn: | Ich habe mir gestern noch mal die Wirtschaftsberichte für den Zoo Halle angesehen. Der Etat-Zuschuß der Stadt war 1933 etwas höher als die Jahre zuvor, ging allerdings 1934 deutlich zurück von gut 140.000 RM auf gut 90.000 RM. Auf diesem Stand blieb er dann mit geringen Schwankungen bis 1938. Also kann es nicht an der gezielten Förderung gelegen haben. Was allerdings festzustellen war, dass der Reichsarbeitsdienst etliches im Zoo gebaut hat. Vielleicht wurden somit die Gelder, die man sonst verbaute, für mehr Tierankäufe frei, und es wurde unter Dr. Schmidt-Hoensdorf einiges gebaut in der Zeit! Außerdem legte die Reichsmark an Wert deutlich zu. Auf jeden fall sind die Tierkäufe zwischen 1933 und 1938 beachtlich, allerdings waren sie für Halle gesehen selbst in der Zeit der großen Wirtschaftskrise bis 1932 gar nicht so schlecht. (13.06.2006, 00:00) | ||
| IP66: | Das Bild ist wohl deutlich komplexer, als man gedacht hat. Die Überwindung der Wirtschaftskrise dürfte eine Rolle gespielt haben, ich frage mich aber auch, ob Zoos als Masseninstitutionen nicht auch in der NS-Zeit gezielt gefördert wurden. Wie sieht es denn un mit den "deutschen Zoos" aus. Der einzige konkrete Ausbau für Heimattiere, den ich gut kenne, ist der in Berlin. Hat man in München entsprechend reagiert? (13.06.2006, 00:00) | ||
| Oliver Jahn: | In unterschiedlichen Chroniken ist zu lesen, dass ab 1933 einfach die finanziellen Möglichkeiten der Zoos besser wurden, auf Grund des allegemeinen wirtschaftlichen Aufschwungs, und die Zoos sich somit einfach den Kauf teurerer Tiere leisten konnten. Das liest man für Frankfurt, Halle, Breslau u.a. Tierarten, die auf Grund des hohen Preises bisher fast ausschließlich an Zoos in den USA gingen, wurden jetzt durch bessere Mittelsituation auch von Deutschen Zoos erworben. @ Karsten Vick, es gab in der NS Zeit eine sehr starke Bewegung, die die deutschen Kolonien zurückforderte und immer wieder betonte, wie wichtig sie für Deutschland wären. Leute wie General Paul von Lettow-Vorbeck, der letzte Kommandeur der Schutztruppe in DOA stand dem Naziregime recht nahe. Und somit wurden rein politisch gefärbt für die afrikanischen Staaten, die ja noch nicht unabhängig waren, sondern lediglich den Kolonialherren gewechselt hatten (auch wenn sie offiziell teilw. unter Völkerbundsmandat standen) weiterhin die Bezeichnung der früheren Deutschen Kolonie gewählt. Einen höheren Deutschen Anteil an der Bevölkerung gab (gibt) es tatsächlich nur noch in Namibia. In Tansania, Kamerun und Togo wurden die eh recht wenigen Deutschen fast ausnahmslos des Landes verwiesen. Die paar Südsee-Inseln und das winzige Fleckchen China (Kiautschu und Tsingtau)spielten eh kaum eine Rolle. (13.06.2006, 00:00) | ||
| Michael Mettler: | Vielleicht sind dort auch nur ein paar Tiersammler aus Kolonialzeiten "hängengeblieben", so dass es in diesen Ländern schlichtweg bessere Bezugsquellen gab? Übrigens kommen afrikanische Großtiere - WENN denn mal welche importiert werden - auch in heutigen Zeiten noch überwiegend aus "Deutsch-Südwest" alias Namibia, genauer gesagt Okahandja.... (13.06.2006, 00:00) | ||
| Karsten Vick: | @IP66: Beim Blättern im Berliner Zooführer von 1941 ist mir aufgefallen, dass immer noch viele Tiere aus Kamerun, Deutsch-Ost und Deutsch-Südwest importiert wurden, obwohl die deutsche Herrschaft dort schon 15-20 Jahre vorbei war. Aber vielleicht wurden solche Herkünfte auch nur aus Nostalgiegründen besonders betont. (13.06.2006, 00:00) | ||
| IP66: | Vor Kriegsbeginn war NS-Deutschland handelspolitisch ja nicht isoliert. Außerdem saßen zwei wichtige Importeure hier - Ruhe und Hagenbeck - als Nicht-Mehr-Kolonialmacht hatte man zudem einen ähnlich guten Ruf in der "dritten Welt" wie in der Adenauer-Zeit. Ich würde selbst den "deutschen Zoo" in Berlin eher als Ergänzuung sehen, die Artenzahl war nach wie vor hoch. Als NS-Musterzoo würde ich eher Nürnberg betrachten, einmal wegen der spezifischen politischen Umstände dort (Parteitage, die durch die Errichtung des Zeppelinfeldes notwendig gewordene Verlegung, auf die Welt und Bevölkerung schauten). Leider endet Mühlings Buch ja vor dessen Besetzung, sie scheint mir aber doch eher durch viele Großtierarten geprägt gewesen zu sein als durch einheimische Tiere. Immerhin gab es ein Menschenaffenhaus, daß natürlich den franfurter Typ im Sinne einer heimatstiligen Halle uminterpretierte, Elefanten- und Flußpferdhäuser, große Huftieranlagen, das ebenfalls für Exoten errichtete Raubtierhaus (als eine Art Mithras-Tempel). Hingegen ist mir nichts von Vogelhaus oder Fasanerie bekannt, es gab auch kein Kleinsäugerhaus, und anstelle des Hauses für niedere Affen entstanden zwei oder drei Freianlagen für größere Gruppen. (13.06.2006, 00:00) | ||
| Michael Mettler: | Also, wenn ich mir die Zoochroniken anschaue, dann finde ich keineswegs, dass zu dieser Zeit ungewöhnlich viele Raritäten ins Land kamen; das war auch schon vorher so und später in den 60ern wieder. Hatte das vielleicht eher damit zu tun, dass zu bestimmten Zeiten bessere Transportmöglichkeiten bestanden (bzw. in Krisenzeiten eben nicht, wodurch der "Nachschub" fehlte)? Nach dem NS-Gedankengut stand doch offensichtlich der "deutsche Zoo" im Vordergrund, wie er ja besonders in Berlin, aber auch ansatzweise in Duisburg oder München zu finden war: Die größten und imposantesten Anlagen waren mit Tierarten des Deutschen Reichs besetzt (und den Rückzüchtungen von Ur und Tarpan). Die Löwenanlage in Berlin passt zwar nicht ins Einheimische, aber über die Symbolik des Löwen brauchen wir wohl nicht zu diskutieren.... (13.06.2006, 00:00) | ||
| Zoosammler: | Ich finde es immer wieder verwunderlich, was für interessante Tierarten gerade in der NS-Zeit nach Deutschland gelangten. Eigentlich müsste man doch eher das Gegenteil vermuten, dass nämlich internationale Handelswege für Deutschland verschlossen waren und die Zoos anderer Länder mit Deutschland nicht mehr kooperierten. (13.06.2006, 00:00) | ||
| Dortmunder: | Ich will ja nicht unken, aber hatte das irgendwie mit der politischen Führung zu tun, das grade in dieser Zeit so viele kostbare Tiere den Weg nach "Deutschland" gefunden haben ? Nur, um dann in den Wirren des Krieges verheizt zu werden... (13.06.2006, 00:00) | ||
| Oliver Jahn: | Dann versuche ich das mal! (13.06.2006, 00:00) |
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