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Wieviel Artenschutz verträgt ein Zoo(besucher)?



Matthias:   Das es typisch Erlebnis-Zoo ist, kaum oder gar keinen in-situ Naturschutz zu betreiben, moechte ich hier nicht so ohne weiteres stehen lassen.
Zweifelsohne geniesst in-situ Artenschutz in Hannover und Gelsenkirchen nicht den Stellenwert, den er haben sollte und koennte. Wobei Gelsenkirchen keine Projekte betreut und Hannover, wie von Ulli ja auch erwaehnt, wenigstens ein in-situ Projekt in Nordafrika.
Aber habe ich da jetzt was verpasst, oder faellt es nur mir auf, dass das in allen anderen deutschen Zoos genau derselbe Fall ist? Muenster ist die einzig erfreuliche Ausnahme. Schaut euch doch mal in den deutschen Zoos um. Dort, wo dann die von ihnen kritisierten, viel zu teuren Bauten, nicht gebaut werden, sondern Zweckbauten, geschieht mitunter noch weniger, als in den auch so schlechten Erlebnis-Zoos.
Wenn man nach Artenschutz fragt, zaehlen viele Zoos einfach nur ihre EEPs, an denen sie teilnehmen, auf. Das kann es natuerlich nicht sein! Genauso wenig wie der beruemte WWF-Spenden-Panda, der in den Zoos docht meist nur als Alibi in irgendeiner dunklen Ecke steht. Am Ende des Jahres wird dann stolz im Jahresbericht erwaehnt, dass man 312,12 Euro gesammelt hat. In einem Jahr!
Vernachlaessigter in-situ Artenschutz ist also nicht typisch Erlebnis-Zoo, sondern vielmehr typisch deutscher Zoo.

Dass es auch anders geht beweisen Zoos wie Chester, Bronx Zoo, etc. etc. Chester Zoo koordiniert acht(!) eigene in-situ Projekte und unterstuetzt finanziell zahlreiche Naturschutz- und Forschungsprojekte jaehrlich. Es gibt eine Abteilung Conservation & Science, wo 5(!) Mitarbeiter die Naturschutz- und Forschungsarbeit des Zoos Chester koordinieren. Das jaehrliche Budget wird von den ganz normalen Einnahmen des Zoos aquiriert. Und Chester Zoo bekommt absolut keine Zuschuesse, wie uebrigens fast jeder Zoo ausserhalb Deutschlands. Es geht also auch anders.

Um jetzt wieder auf den angeblich bremsenden Effekt des Erlebnis-Zoos auf Artenschutz zurueck zukommen, moechte ich am Ende nur noch kurz den Erlebnis-Zoo schlechthin nennen:
Disney's Animal Kingdom.
Dieser Zoo unterstuetzt auch in-situ Naturschutzprojekte, trotz des Erlebnis-Zoo-Charakters. Oder vielleicht auch gerade deshalb?
(10.10.2006, 12:45)
Ulli:   Die Angelegenheit „Wieviel Artenschutz verträgt ein Zoo(besucher)?“
ist eigentlich ganz einfach:

9. 4. 1999 Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften L 94/25

Sie (Zoos) beteiligen sich an Forschungsaktivitäten, die zur
Erhaltung der Arten beitragen, und/oder an der
Ausbildung in erhaltungsspezifischen Kenntnissen
und Fertigkeiten und/oder am Austausch von Informationen
über die Artenerhaltung und/oder gegebenenfalls
an der Aufzucht in Gefangenschaft, der
Bestandserneuerung oder der Wiedereinbürgerung
von Arten in ihren natürlichen Lebensraum.

Sie fördern die Aufklärung und das Bewußtsein der
Öffentlichkeit in Bezug auf den Erhalt der biologischen
Vielfalt, insbesondere durch Informationen
über die zur Schau gestellten Arten und ihre natürlichen
Lebensräume.


Die Welt-Zoo- und Aquarium- Naturschutzstrategie geht über diese Definition noch deutlich noch hinaus:

Der Zoo Karlsruhe hat es auf seiner Internet-Seite kurz und knapp zusammengefasst:
Die neue Welt- Zoo- und Aquarium- Naturschutzstrategie (deutsche Ausgabe 2005) sieht Naturschutz als durchgängiges Prinzip für alle Aktivitätsbereiche der Zoos und Aquarien: Die Besucher sollen sich nicht nur vom Alltagsstress erholen, sondern auch motiviert werden, Umweltanliegen ernst zu nehmen und sich für den Schutz von Wildtieren und ihren Lebensräumen einzusetzen. Die Zoopädagogik soll nicht nur biologische Kenntnisse über Tiere vermitteln sondern vermehrt auch auf ihre Gefährdung hinweisen. Forschung soll so ausgerichtet sein, dass sie auch der Wiedereinbürgerung und Umsiedlung von Tieren sowie ihrem Schutz in der freien Wildbahn dienen kann. Die gemeinsamen Zuchtprogramme für bedrohte Tierarten sollen mit Schutzbestrebungen für diese Arten in der freien Natur verbunden werden.


Ein Zoo, der sich nicht aktiv an konkreten Natur- und Artenschutzprojekten vor Ort beteiligt, hat in meinen Augen erhebliche Legitimationsprobleme !!!

Ansonsten kann ich die Aussage von Carsten Schöne zu Jersey nur unterschreiben. Es fährt so gut wie niemand nur wegen eines Zoos nach Jersey. Jersey ist für mich das Vorbild eines Zoos mit einem effektiven Naturschutz-Engagement. Nebenbei: Jersey zeigt auch Publikumsrenner wie Gorillas, Orang-Utans, eine Vielzahl von Affenarten, Brillenbären sowie auch Erdmännchen – eine mangelnde Anzahl von Publikumsrenner kann also nicht als Grund von mangelndem Publikumsinteresse herhalten – dann doch eher der Mangel an einem Einzugsgebiet. Bei dem Zoo Jersey, als mustergültiges Zoo-Vorbild und deshalb als besonders kulturell förderungswürdig einzustufen, ist sogar eine besondere Förderung durch den britischen Staat explizit zu fordern.

An vielen gegenwärtigen Neubauten im Zoo, speziell leider auch im Zoo Hannover, bemängele ich die hohen Kosten, die oft nur durch viel „Schnick-Schnack“ verursacht werden – in der Illusion Erlebniswelten zu schaffen, die aber leider oft nur Klischees vermitteln. Ich nenne hier für Hannover nur den Landrover, die Möchtegernforschungsstation am Gorillaberg oder (das für mich leider das schlimmste Beispiel) die Gestaltung der Leopardenanlage, wo leider schon so etwas Banales wie ein vernünftiger Kletterbaum fehlt. Es ist immer eine Gradwanderung, wie man etwas vermittelt. In Hannover baut man stark auf visuelle Effekte und so gut wie keine Schilder am Gehege (demgegenüber ist das Zoobuch wirklich informativ).

Als vor Jahren eine afrikanische Besuchs-Delegation das Modell für den Sambesi sah, empfanden sie es spontan als „romantische Präsentation Afrikas“ – zwangsläufig taucht die Frage auf: ist es eine authentische Vermittlung afrikanischer Gegenwart, beleuchtet es die Probleme Afrikas oder befriedigt man nur vermeintliche Erwartungshaltungen der Besucher.

Eine Autoreifenwand als Hinweis auf einen der Gründe für den Regenwaldrückgang finde ich durchaus reizvoll; wenn diese Wand aber nicht thematisch in ein Informationszentrum (oder zumindest in räumlicher Nähe) eingebunden ist, verpufft diese Provokation wirkungslos.

Aber gerade die enormen überflüssigen Neubaukosten für Nebensächlichkeiten ärgern mich gelegentlich, weil ich mir sofort die Frage stelle, was man mit dem gleichen Geld innerhalb eines Naturschutzprojektes hätte bezahlen können.

Vor Jahren hat in dem Zusammenhang Dr. Salzert einen spannenden Artikel über teures und billiges Bauen im Zoo verfasst.

Die Lage der Restaurants im Zoo Hannover ist mich ein Rückgriff auf Ideen des Tiergartens Schönbrunn von 1750 – der Mensch als Mittelpunkt. Leider besteht dann schnell die Gefahr, die Tiere als Staffage innerhalb einer Kunstlandschaft zu verwenden. Ich persönlich möchte eher wie ein Zaungast an die Tiere herangeführt werden – das Tier rückt damit automatisch
in den Mittelpunkt, zusätzliche Informationen am Rande angeboten, unterstützen diesen Eindruck.

Mich persönlich sprechen dann deshalb auch eher konkrete Informationsvermittlungen wie das Arche-Haus in Leipzig oder, auf eher spielerische Weise, der Inforaum zu den Elefanten im Allwetterzoo Münster an – man kann dieses Angebot nutzen, ist hierzu aber nicht verpflichtet.

Wenn man den regen Zulauf im Artenschutzzentrum Leiferde oder auf Gut Sunder betrachtet, scheint es auch eine stärkere Nachfrage gerade nach solchen Informationen zu geben.

Darüber hinaus würde ich auch kleine botanische Schilder an (besonderen) Bäumen sowie Tafeln über im Zoo frei lebende Singvögel oder Amphibien begrüßen – also noch über die eigentlichen Zootiere hinausgehend. Viele werden sicher auch hierauf gerne einen Blick werfen.

Zweifelsohne bleibt nur ein Bruchteil der Informationen im Langzeitgedächtnis, aber an dieser Stelle sind die Zoopädagogen in dem Wissenstransfer und dessen Effizienz besonders herausgefordert.

Leider haben sich in neuerer Zeit Zoos wie Hannover oder Gelsenkirchen in ihrem Selbstverständnis an Freizeitparks orientiert. Wiederansiedlungsprojekte werden nur durch das persönliche Engagement der Zoomitarbeiter im Zoo Hannover, speziell fällt mir hier Dr. Engel ein, effizient fortgeführt. Zweifellos und erfreulicherweise wird hierfür von der Zooleitung Freiraum eingeräumt, es genießt aber nicht die oberste Priorität in der Hannoverschen Zoophilosophie, was ich persönlich als bedauerlich empfinde.

Ich weiß persönlich auch nicht, ob man auf diese Weise wirklich neue Publikumsschichten erreicht. Im Zweifelsfalle wählt diese Klientel doch eher das Original Freizeitpark.

Eine ganz andere Klientel wird demgegenüber im Zoo Hannover schlichtweg ausgegrenzt. Früher war es selbstverständlich, dass im Rahmen des Ferienpasses ein Gratis-Zoobesuch angeboten wurde. Heute zahlen die Zoofreunde Hannover die Eintrittspreise für Kinder, deren Eltern sich ansonsten nie (!) einen Zoobesuch leisten können – eigentlich ein Armutszeugnis für einen Zoo.

Wenn man Kinder im Zoo Hannover allein loslässt, rennen sie automatisch zu der Brodelburg (für nicht Eingeweihte: der Abenteuerspielplatz). Da zieht auch kein Elefant … Wenn man die Kinder aber einer sachkundigen Führung anvertraut, glaubt man gar nicht wie gebannt sie dann zuhören können … ist doch merkwürdig – oder ?

Die Frage, ob Erlebniszoo-Konzepte mit starker Freizeitpark-Orientierung eine Fortentwicklung oder eine Sackgasse bilden, wird man sicher erst in einigen Jahren wirklich beantworten können. In meiner persönlichen Prioritätenliste hat aber ein Erlebniszoo-Konzept immer eine nachrangige Bedeutung und hat hinter dem Natur- und Artenschutz hinten anzustehen – dies bleibt allen Modetrends zum Trotz unter den vier Schwerpunkten (Tierhaltung, Freizeit, Bildung und Forschung, Natur- und Artenschutz) die primäre Aufgabe eines Zoos.

Ein Zoo soll sich explizit zu mindestens einem Natur- und Artenschutz-Projekt verpflichten und dieses auch umfassend präsentieren.

Fazit: Ein gut konzipierter Zoo ist deshalb sehr wohl in der Lage, sehr viele Artenschutzinformationen einem Besucher im Vorbeigehen nahe zu bringen oder zumindest anzubieten, wenn der Besucher nicht durch zu viele andere visuelle Reizüberflutungen und Ablenkungen im Zoo vorher schon davon abgehalten wird. Außerdem denke ich, vermittelt ein vernünftig konzipiertes und vorgestelltes Artenschutzprojekt auch beim normalen Besucher ein gutes Gefühl.

… und was die „Kosten“ betrifft: Es gibt nicht wenige Leute die Zoos an sich für nutzlose Kostenträger halten - ein wenig Wind kann man diesen Argumentationen mit den Natur- und Artenschutzprojekten aus den Segeln nehmen und so vielleicht mehr für einen Zoo tun als wie mit einer Flut von kommerziellen Angeboten.

(09.10.2006, 13:40)
Helga:   Sie ist halt viel teurer als die Massenurlaubsziele. Flüge sind auch für Engländer billiger geworden - und da fliegen die eben auch dort hin, wo sicher Sonne ist. Es geht ja um Massen- und nicht Spezialtourismus.
(09.10.2006, 13:02)
Michael Mettler:   @Helga: Hat die Insel Jersey denn sonst GAR NICHTS zu bieten, womit man die restlichen 13 Tage füllen kann...?
(09.10.2006, 12:24)
Helga:   Welche Touristen planen denn einen 14 Tage-Urlaub danach, dass irgendwo ein massenattraktiver Zoo ist?
(09.10.2006, 10:50)
Michael Mettler:   @Carsten Schöne: Zwar kenne ich die Verhältnisse auf Jersey nicht, aber die Aussage kann man auch anders betrachten. GÄBE es dort einen für die Masse attraktiven Zoo, wäre die Insel möglicherweise für Touristen anziehender...

Den Hinweis auf Durrell und Grzimek würde ich allerdings sofort unterschreiben. Durch Zoodirektoren als Medienstars lässt sich viel Neugier und auch Identifikation wecken. So gesehen bin ich sehr gespannt, wie Wien-Schönbrunn ohne sein "Zugpferd" Pechlaner auskommen wird - die Außendarstellung des Tiergartens war/ist offensichtlich in erheblichem Maß durch seine Person geprägt.
(09.10.2006, 09:28)
Carsten Schöne:   Lieber Michael Mettler, das Problem des Jersey Zoo ist NICHT das Fehlen von Elefanten, Giraffen oder Löwen , sondern das Einzugsgebiet. Briten und Franzosen machen heutzutage lieber Billigurlaub auf einer der großen Touristeninseln, als auf ihrer traditionellen Urlaubsinsel Jersey. Hinzu kommt allerdings, daß Gerald Durrell als Zugpferd fehlt, der, so wie in Frankfurt Bernhard Grzimek, dazu beitrug, daß Besucher extra angereist kamen, um die Zoos ihrer „Idole“ zu besichtigen.
(09.10.2006, 08:39)
Ingo Rossi:   @Michael Mettler:
Grundsätzlich bin ich nicht ganz anderer Meinung. Die von Ihnen erwähnten Autowracks sind ja nun schon in vielen neunen Zoowelten verarbeitet worden. Kaum eine, in der nicht zumindest eins zu sehen ist.
Doch denke ich, das der Normalbesucher, der kommt nur aus Freizeitcharakter in den Zoo, durch den Anblick der Tiere vielleicht Interesse an mehr findet. Oft erlebe ich im Zoo, das Kinder ihre Eltern nach dem Namen des Tieres fragen, welches so nett aussieht. Viele Eltern beginnen deswegen die Beschilderung zu lesen und erfahren neben dem Namen eben auch noch mehr, z.B. wie selten es ist. Natürlich bei weiten nicht alle Besucher, aber eben doch einige. Meine Befürchtung bei einem In-situ Projekt wäre, das die Optik der Anlage in Mitten eines Zoos doch zu improvisiert aussähe und eher abschrecken würde. Ebenso wenn dort Tiere artgerecht aber eben nicht so ansprechend gehalten werden.
Viele Erklärungen an einem Ort gebündelt schrecken ja zumeist den Besucher ab, ist es nicht sinnvoller diese über den Zoo zu verteilen und durch die Anlagen auch einen gewissen Bildungshunger zu wecken?
Die Didaktik im Zoo muss unterschwellig arbeiten. Der Anblick der Tiere in naturnahen Gehegen soll ja die Schönheit der Natur darstellen und den drohenden Verlust ihrer zum Problem für alle machen. Gehege, wie in den von Ihnen beschrieben im Zoo Hannover sind da bestimmt auch ein wichtiger Punkt. Der Mensch nähert sich immer mehr der Natur.
Lange Zeit wurde in den Planungen der neuen Anlagen, so auch in Köln, Grundsätzlich Ruinen irgendwelcher menschlichen Kulturen mit eingeplant um die Besuchern zumindest an die Nähe der Menschen und ihre Existenz zu erinnern. Der nächste schritt ist dann ja schon die teilweise Naturzerstörung der Menschen zu zeigen.
Kleiner Exkurs: Oft habe in vor Kea-Volieren die mit allerlei „Müll“ zur Beschäftigung angereichert waren, die Proteste der Besucher gehört, wie man nur Müll so einfach darein werfen kann...
Ich sehe, ähnlich wie Sie, die zunehmende Problematik der finanziellen Abhängigkeit der Zoos von den Besuchern. Zum einem ist es bestimmt gut, werden so natürlich die Zoos attraktiver für den Normalbesucher. Zum anderen macht es mir sorgen, hat doch z.B. die Privatisierung der Medien in erster Linie zu einer Verflachung der Programminhalte geführt. Manchmal befürchte ich, den Zoos droht ähnliches. Es ist bestimmt eine mehr als schwierige Aufgabe, zwischen Besucherzahlen und Bildungsanspruch zu balancieren. Leider beurteilen anscheinend die Kommunalpolitiker leider nur noch nach der „Einschaltquote“, was natürlich damit auch die Zooentwicklung prägt. Aber ist dann nicht um so mehr wichtig, wenn der Zoo seine Besucher vielleicht ein kleinweinig in seinem Wissen und Ansichten über die Natur verändert entlässt?

(01.10.2006, 11:30)
Michael Mettler:   @Ingo Rossi: Was die Arche in Leipzig betrifft, habe ich ja auch schon mal geäußert, dass ich sie in Verbindung mit lebenden Tieren eindrucksvoller fände.

Aber die Bemerkung mit der "heilen Welt" finde ich ein Nachhaken wert. Was zeigen denn Zoos im Idealfall? Gesunde, "sorgenfreie" Tiere in naturähnlicher Umgebung. Das IST heile Welt, denn die Wirklichkeit sieht oft genug anders aus. Afrika oder Australien bestehen eben nicht (mehr) nur aus endlosen unberührten Savannen, sondern in Teilen auch aus Wellblech, verrostenden Autowracks und Müll. Und genau in einem solchen Umfeld ist die Natur am bedrohtesten. Das (nicht mit dem Holzhammer, sondern unterschwellig) "in natura" darzustellen, halte ich persönlich für eine durchaus moderne Aufgabe eines Zoos. Nicht in JEDEM Gehege, aber an wirkungsvoller Stelle, und dazu braucht es auch nur wenige erläuternde Worte. Das ist es, was ich mir im besagten "normalen" Zooteil vorstellen könnte - und zwar auch (oder gerade?) bei Tierarten, die (noch) nicht in Projekte eingebunden sind. Also für Standardzootiere wie Riesenkänguru, Böhmzebra usw. Solche Gedanken kamen mir übrigens vor ein paar Jahren erstmals beim Anblick der damals gerade neu gestalteten Australienanlage in Hannover - mit Wellblech-Rückwand, verstreuten alten Ölfässern und Wassertank. Zuerst dachte ich "was soll das denn", aber gleich danach dämmerte mir, dass wohl WIRKLICH viele Kängurus in Australien in einem solchen Umfeld leben (müssen). Und genau diesen Effekt habe ich an gleicher Stelle schon häufig als Reaktion aus dem Publikum gehört - die Didaktik funktioniert also durchaus auch unterschwellig. Wer sowas nicht an sich ran lässt, liest auch keine Infotafeln.

Die Artenschutzmaßnahmen - gerade die für unpopuläre Arten - benötigen dagegen viel mehr Erklärung, und da frage ich mich halt, ob man das thematisch und örtlich bündeln könnte. Bildung umfasst schließlich nicht nur das Thema Artenschutz - schon durch den bloßen Anblick eines Tieres kann der Besucher etwas lernen und sich bilden. Also kann nicht davon die Rede sein, dass die Bildung dadurch ausgelagert würde.

Ich behaupte immer noch, dass es GERADE der Freizeitcharakter ist, der die breite Masse zum Zoobesuch animiert. Und da die breite Masse auch für das breite Geld sorgt, muss doch an erster Stelle dieses Bedürfnis befriedigt werden. Anders gesagt: Der Kunde muss erst mal in den Laden gelockt werden. Wieviel Geld er wofür dort lässt und ob er später zufrieden nach Hause geht, hängt von der Überzeugungskraft und vom Können des Verkäufers ab. Tut mir Leid, wenn ich immer wieder auf die finanzielle Seite eines Zoos zurück komme, aber von irgendwas muss er ja schließlich leben und seinen Artenschutz bezahlen.

Daher die Idee, dem Besucher eine "In-situ-Schutzstation" quasi live zu präsentieren, nicht nur als bloßes "Forschercamp", sondern mit den passenden Tierarten. Ohne Panzerglasscheiben oder Trockengräben, sondern mit Materialien, wie sie auch im Original verwendet sein könnten. Ob die Bewohner dann wirklich besser sichtbar wären, bleibe mal dahingestellt, denn gerade in diesem Fall wäre das Bühnen-Prinzip sonstiger Zoogehege außer Kraft gesetzt: Ein "Pseudo-Auswilderungsgatter" für Prinz-Alfred-Hirsche z.B. müsste dann schon mehr nach Wildpark als nach Zoo aussehen.
(29.09.2006, 23:00)
th.oma.s:   @michael mettler: betrachten sie die rechtlichen voraussetzungen einer zoobetriebserlaubnis in deutschland bzw. die vorgaben der entsprechenden eu - richtlinie und ihre frage beantwortet sich von selbst.
(29.09.2006, 21:37)
Ingo Rossi:   Oh, das wäre aber ein großer didaktischer Rückschritt. Die „Bildung“ auszulagern in einen bestimmten Bereich und den Rest des Zoos als erholsamen Park ohne Bezug auf die Wirklichkeit zu gestalten. Meiner Meinung wäre da mehr Freizeitparkcharakter in den Zoo gebracht als Zoom und Hannover zusammen, wenn auch durch die Hintertür.
Die Artenschutzarche im alten Raubtierhaus im Zoo Leipzig funktioniert in meinen Augen auch nur so halb, was sollen die Besucher dort Zeit verbringen wenn ein schöner Zoo nebenan auf sie wartet.
Sollte der Zoo auch weiterhin einen zumindest kleinen Bildungsauftrag haben, so ist es doch wesentlich einfacher über das Tier auch sein Leben und eventuelle Bedrohung zu vermitteln. Schließlich erweckt das lebende Tier ja primär das Interesse der Besucher, ansonsten könnten sie ja auch zu hause bleiben. Das dadurch entstehende Interesse sollte ja befriedigt werden. Was der Besucher liest bleibt ja noch immer ihm selbst überlassen, aber eine schöne, heile Welt der Tiere vorzuspielen kann doch nicht Sinn der Sache sein.
Natürlich, auch ich fand es nicht besonders schön, im neune Südamerikateil von Planckendale plötzlich vor einer riesigen Wand aus Autoreifen zu stehen. Aber genau diese bedrohen ja den Regenwald (unter anderem) und dieser Gegensatz von Schönheit der Natur und ihrer Zerstörung wurde dort eindrucksvoll dargestellt und blieb bestimmt nicht nur mir im Gedächtnis.
Ein Artenschutzzooteil könnte schnell dazu führen, dass der flüchtige Besucher nur diese Tiere als schutzbedürftig empfindet. Ein größere Bezug und Demonstration was in-situ bedeutet, wäre dagegen bestimmt interessant. Aber im anderen Zooteil deswegen dann heile Welt verbreiten????

(29.09.2006, 20:13)
IP66:   Eigentlich haben solche "provisorischen" Artenschutzanlagen zwei Vorteile: Zum einen sind die Bewohner oft besser sichtbar, zum zweiten sind durch das Vorhandensein von mehreren Einzeltieren, womöglich in mehrern Käfigeinheiten, die Chancen größer, daß ein Exemplar aktiv ist. Ein ganz simples Beispiel ist der Hinterhof der kölner Fasanerie. Dort sitzen als Beibesatz in mehreren Volieren Bali-Stare, und bei gutem Wetter singt eigentlich immer ein Vogel, so daß man fast sicher sein kann, den Effekt des "Ultraschall"-Singens vorführen zu können. In der großen, ach so naturnahen Freiflughalle geht das nicht, dort bleibt wegen der irgendwoh im Gebüsch sitzenden weißen Vögel niemand stehen, während sie in der Fasanerie regelmäßig Bewunderer finden. Die Geographie ist den Leuten herzlich egal, sie akzeptieren auch, daß der Vogel kein Elefantenbaby ist, aber er sitzt nah, er ist aktiv, und nichts lenkt von ihm ab.
(29.09.2006, 19:44)
Michael Mettler:   Den Titel dieses Threads habe ich bewusst provokant gewählt. Das Thema geht mir schon seit Tagen im Kopf herum und blitzt auch in allen möglichen Threads immer wieder auf - Zeit also, es mal für sich zu betrachten. Gleichzeitig möchte ich damit an meine schon unter "Eure Planung" geäußerten Gedanken zum Benefiz-Charakter der Zoos anknüpfen.

Artenschutz heißt ja für einen Zoo, neben der zur Selbstorganisation und Erhaltung des Betriebes notwendigen Arbeit MEHR zu leisten und auch zu erwirtschaften, um Schutzprogramme zu unterstützen und Zuchtprogramme (Zuchtbuchführung, Koordination) am Laufen zu halten. Es bedeutet auch, dem Besucher gegenüber Aufklärungsarbeit zu leisten - nicht zuletzt auch über die eigene Existenzberechtigung.

Nun habe ich an anderer Stelle schon mal meine Ansicht geäußert, dass ein Zoobesucher bestimmt nicht alle paar Meter belehrt oder mit der Nase darauf gestoßen werden möchte, wie schlecht es doch um die Welt/Tierwelt/Umwelt bestellt ist. Wenn er viel lesen wollte, ginge er in die Bücherei und nicht in den Zoo - denn der Auslöser zum Zoobesuch dürfte im Normalfall noch immer sein, Tiere erleben zu wollen und einen schönen Tag zu haben. Ein ganzer Zoo als REINES Artenschutz(informations)zentrum überfordert möglicherweise die Aufnahmefähigkeit des Besuchers - was dann eher zur Abstumpfung führen würde.

Ist also die Forderung vieler Forumteilnehmer, dass die Zoos wesentlich mehr zum Artenschutz beitragen müssten (z.B. durch mehr in-situ-Projekte) überhaupt umsetzbar? Schließlich muss dafür Personal und Geld "übrig" sein - ein in Zeiten wirtschaftlicher Zwänge sicher schwieriger Spagat. Ganz platt könnte man formulieren, dass Artenschutz den Zoos zwar Ansehen, aber kein Geld bringt (das sie vorrangig zum EIGENEN Erhalt benötigen), sondern sie stattdessen Geld KOSTET (das sie dem Besucher entlocken müssen). Natürlich ist diese Aussage zu simpel, denn z.B. trägt die Nachzucht von Asiatischen Elefanten sowohl zum Arterhalt wie auch zur Einnahmesteigerung bei (obwohl die teueren Zuchtanlagen vorher eine immense Investition abverlangen).

Und wieviel Information, wieviel eingeimpftes schlechtes Gewissen usw. kann ein Zoo seinen Besuchern zumuten, ohne sie abzuschrecken oder gleichgültig zu machen? Wenn Informationstafeln in solcher Menge präsentiert würden, dass die Besucher sie übermüdet ignorieren würden, könnte man sich auch die Produktionskosten für manche Tafel sparen und das Geld gleich an in-situ-Projekte überweisen.

Wäre es z.B. ein denkbarer Weg - da kommen wir wieder zur Querverbindung mit "Eure Planung" und vielen darin geäußerten Ideen - in jeglichem Zookonzept einen ganzen, in sich geschlossenen Parkteil (nicht einen ganzen Zoo!) AUSSCHLIESSLICH und intensiv dem Thema Artenschutz zu widmen? Ich denke da an einen geo-mäßig aufgemachten Nachbau einer in-situ-Zucht- oder Auffang-/Auswilderungsstation mit verschiedensten Tierarten der selben Region - z.B. der Philippinen. Gehege und Stallungen in Einfachbauweise, um den Besuchern dreidimensional vorführen zu können, wie Schutzarbeit in situ aussieht. (Pseudo-Krankenkäfige müssten natürlich unbesetzt bleiben.) In diesem Parkteil Information pur (vielleicht sogar der Sitz der Zooschule), im restlichen Zoo dagegen sehr viel zurückhaltender (erholsamer).

(29.09.2006, 16:46)

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